Ausgabe Juni 1993

Den Gegensatz von Demokratie und Nation überwinden

Stellungnahmen zum Thema "Deutschland begründen" (II)

Die gegenwärtige Situation in Deutschland muß auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte diskutiert werden. Geradezu charakteristisch für die deutsche Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert ist, daß es den Deutschen - u.a. angesichts der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in Politik, Gesellschaft und Kultur - nur bedingt gelang, eine tragfähige politische Kultur zu entwickeln, was etatistische und andere auf forcierte Integration zielende Politiken unmittelbar oder mittelbar gefördert hat. Angesichts des fragmentarischen Charakters politischer Kultur war es in der Regel nicht möglich, einen ideellen Konsens über die politische Ordnung und ihre Begründung zu erzielen. Die gegenwärtige Situation, die durch den Zusammenschluß zweier sehr unterschiedlicher Gesellschaften entstanden ist, ist insofern nicht völlig neuartig: es ist offenbar schwer, eine für die gesamte Gesellschaft tragfähige ideelle Basis zu finden. Über diese gilt es in der Tat zu diskutieren.

I

Eine wesentliche Basis für eine deutsch-deutsche Verständigung könnte das Bewußtsein einer überaus komplizierten problematischen Geschichte samt daraus zu ziehender Konsequenzen sein. Es ist an den Tatbestand zu erinnern, daß die letzte gemeinsame Epoche der Deutschen Ost und der Deutschen West die NS-Zeit war.

Juni 1993

Sie haben etwa 15% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 85% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema