Ausgabe November 1993

Bürger auf Karten

Totalerfassung durch sozialökologische Rationierungssysteme

Wir stehen in Deutschland und anderen Industriestaaten am Anfang einer Ära der sozialökologischen Rationierung. Wesentliches Merkmal dieser Zeit sind flächendeckende elektronische Kontroll- und Zuteilungssysteme für angebliche "Krisenressourcen". Kontrollund Rationierungssysteme werden derzeit u.a. eingeführt für Sozialleistungen, für Geburten, Arbeit, Einwanderung, für Gesundheitsleistungen, harte Drogen, für Personentransporte und Abfallbeseitigung. Wesentliche Bestandteile dieser Systeme sind maschinenlesbare Individualisierungsmittel, z.B. Chipkarten. Diese Systeme bewirken Schrumpfung der Privatsphäre und totalitäre Entmündigung. Aussichten der Dissidenz liegen u.a. im informellen Sektor, in neuen Formen ökonomischer, politischer und persönlicher Zusammenschlüsse.

1. Die Neue Opferbereitschaft

Das Interesse am Datenschutz ist nahezu auf den Nullpunkt gesunken. Das Gesundheitsstrukturgesetz und der Solidarpakt brachten eine staatliche Datenerfassung und Überwachung, die bei weitem in den Schatten stellte, was mit der Volkszählung beabsichtigt worden war, gegen die vor zehn Jahren noch Hunderttausende aktiv wurden. Die einzigen, die jetzt protestierten, waren die beamteten Datenschützer und vereinzelte Initiativen. Die politische und emotionale Haltung derjenigen, die die Datenschutz-Bewegung der 80er Jahre trugen, hat sich geändert.

November 1993

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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