Ausgabe Januar 1994

Superseehofer

Moderne Zeiten im Gesundheitswesen

Für die Liebhaber von Institutionen war ein schwieriges Jahr: Erst gerieten Bundeskriminalamt und Generalbundesanwaltschaft nach den Pannen in und um Bad Kleinen in die Negativschlagzeilen, dann wurde mit der vom Bundesgesundheitsminister angekündigten Schließung des Bundesgesundheitsamts (BGA) auch noch der Ruf der obersten Bundesbehörde für den Verbraucher- und Gesundheitsschutz selbst in den Augen derjenigen arg angekratzt, denen gerade dieses Amt immer als überparteiliche und neutrale Instanz galt. Anfang Oktober trat Minister Seehofer vor die Presse und informierte die Öffentlichkeit im Brustton des Entsetzens über eine ihm bislang nicht bekannte Liste des BGA über 373 Fälle von HIVInfektionen durch Blut und Blutprodukte.

Damit lebte die aus der zweiten Hälfte der 80er Jahre sattsam bekannte und schon gebannt geglaubte AIDS-Hysterie unverzüglich wieder auf: "Aids-Alarm. Blut-Konserven verseucht", titelte beispielsweise die Bild-Zeitung am 7. Oktober 1993, und fragte: "Wie gefährlich ist jetzt eine Operation?" In AIDS-Beratungsstellen und Blutbanken standen die Telefone nicht mehr still, die Gesundheitsämter verzeichneten einen steilen Anstieg von testwilligen Klienten. Der Seehofer-Alarm erwies sich freilich als Fehlalarm, sobald die Fakten recherchiert und die Aussagekraft der ominösen "AIDS-Liste" geklärt waren.

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema