Ausgabe Februar 1994

Zur Schieflage der Nation

Marktpurismus, konzeptionelle Askese und neunzehn Wahlen

"und Zaubrer wachsen aus den Bodenlöchern, im Dunkeln schräg, die ein Gestirn beschwören"

(Georg Heym)

Die Stimmung ist schlecht. Ist sie schlechter als die Einschätzung der jeweils persönlichen Lage, spricht man von einer Angstlücke. Unübersehbar klafft uns diese Angstlücke aus den Befunden der Volksbefrager entgegen und sie wird medienwirksam vermarktet. "Deutschland braucht eine neue Aufbruchstimmung", erkennt Rudolf Scharping. "Deutschland ist eher von Abbruch- als von einer Aufbruchstimmung geprägt", befindet Peter Glotz. - Schnellebig ist diese Zeit, Kürzlich noch die Glückskinder des Kontinents, gesegnet mit der stärksten Wirtschaft, der härtesten Währung, endlich auch mit dem kaum noch erwarteten Geschenk der nationalen Einheit und der Fußballweltmeisterschaft zumal, finden wir uns jäh auf der Schattenseite wieder.

Wir haben die schlimmste Depression der Nachkriegsepoche am Hals. Zeitgleich kommt, so ist allenthalben zu lesen, eine schwelende tiefe Krise unserer Leistungsfähigkeit offen zum Ausbruch. Über dem Wirtschaftsstandort Deutschland erblicken geübte Propheten das Menetekel seines Verfalls: Die Kosten sind zu hoch, die Waren made in Germany zu teuer und der innovative Esprit hat sich verflüchtigt. Neue Konkurrenten aus Asien und Osteuropa verdrängen uns von den Märkten.

Februar 1994

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