Der folgende Artikel wurde vom Herausgeber und verantwortlichen Direktor der größten italienischen Tageszeitung, "La Repubblica", Eugenio Scalfari, für die römische Zweimonatszeitschrift "MicroMega" (4/1994) geschrieben. (Die "Blätter" veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift und des Autors erstmals in deutscher Sprache, übersetzt von Esther Koppel.) Der angesehene linksliberale Publizist verläßt im folgenden sein angestammtes Gebiet und stellt den Aufstieg Berlusconis sowie seines rechten bzw. rechtsextremen Regierungsbündnisses in einen größeren historischen Rahmen. Er kommt zu dem Schluß, daß in die Lücke, die das Ableben des Bürgertums, der "bürgerlichen Klasse" in Italien hinterlassen habe, ein Teil jener middle class gestoßen ist, die sich in den letzten Jahrzehnten in der Klein- und Mittelwirtschaft herausgebildet hat. Dieses "Segment der Mittelklasse", dem - so Scalfari - "das sogenannte Staatsbewußtsein am meisten fehlt" und das sich in der Lega Bossis, der Forza Italia Berlusconis, der faschistischen Partei Finis wiederfindet, ist direkt (!) in die Politik eingetreten und hat die Führung des Staates übernommen, (Einen völlig anderen Begriff von middle class hat der amerikanische Historiker Christopher Lasch.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.