"Warum so wenig über den Widerstand bekannt ist? Weil er gescheitert ist, weil das deutsche Volk nicht einmal den Versuch unternommen hat, Hitler zu beseitigen." Der das meint, Heinrich Graf von Einsiedel, hatte 1943 mit seinen Kampfgefährten vom "Nationalkomitee Freies Deutschland" (NKFD) vergeblich von Rußland aus zur Erhebung aufgerufen. Das bündige Urteil des Grafen geäußert auf einer Tagung mit dem Titel "Was aus Deutschland werden sollte: Konzepte des Widerstands, des Exils und der Alliierten" Ende Januar in Marburg - imitiert. War tatsächlich das Scheitern der Grund für Vergessen und Verdrängen des Widerstands? Den "Männern des 20. Juli 1944" jedenfalls hat der gescheiterte Versuch des Umsturzes gereicht, um in die offizielle Geschichtsschreibung der Bundesrepublik aufgenommen zu werden und gar der Identitätsstiftung zu dienen - während die Mitglieder des NKFD weiter als Verräter diffamiert werden und mehrere Zehntausend vom NS-Regime verurteilte Wehrmachtsdeserteure und "Wehrkraftzersetzer" (bzw. ihre Angehörigen) auf die Rehabilitierung warten. Reinhard Kühnl beschrieb im Eröffnungsreferat grundsätzliche "Schwierigkeiten, die Wahrheit über den Widerstand zu ermitteln".
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.