Ausgabe März 1997

Südkorea in der Globalisierungsfalle

Eine eigentümliche Melange aus Schadenfreude, Sympathie und einem "Na, also"-Gefühl kennzeichnete die deutsche Reaktion auf die jüngsten Massenstreiks in Südkorea. Schadenfreude kam mancherorts darüber auf, daß ein Land Anzeichen einer wirtschaftlichen Malaise offenbarte, welches in den letzten Jahren mit dazu beigetragen hat, daß die verbleibenden deutschen Hersteller von Haushaltselektronikprodukten oder Schiffen schrittweise Marktanteile verloren oder ganz aus dem Geschäft gedrängt wurden. Nebenbei entlarvten die Streiks auch noch den Mythos von den ostasiatischen "Fleißbienen" als Schimäre. Sympathiebekundungen wiederum galten vor allem den streikenden Arbeitern, die in den letzten Jahrzehnten durch harte Arbeit bei kargen Löhnen das "Wirtschaftswunder am Han-Fluß" mit ermöglicht hatten und sich nun, so die weit verbreitete Auffassung, den erneuten Würgegriff von Staat und Unternehmen in Form der Änderung der Arbeitsgesetzgebung nicht gefallen lassen wollten.

Schließlich konnten Kommentatoren verschiedener Couleur voll Selbstbestätigung darauf verweisen, daß dies ja alles so kommen mußte. Nach Jahren des rasanten Wachstums habe Korea nun eben auch mit den Problemen der erwachsenen Industrieländer zu kämpfen.

März 1997

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.

Drei Millionen ohne Abschluss: Was tun?

von Maike Rademaker

Die Zahl war lediglich einen Tag lang einige Schlagzeilen wert: Rund 2,9 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren hierzulande haben keinen Berufsabschluss. Maike Rademaker analysiert Gründe und Lösungsansätze.