Ausgabe Mai 1997

Lafontaines Kreise

Seitdem Helmut Kohl dem gefaßten Volke seine Absicht unterbreitet hat, auch über 1998 hinaus als Regierungschef im Amt zu bleiben, scheint die SPD in der Frage ihres Kanzlerkandidaten unter Druck zu stehen. Es läuft offenbar auf einen Zweikampf heraus: zwischen den Medien, die nach einer schnellen Nominierung, insbesondere von Gerhard Schröder verlangen, und der Partei, die sich erst im April nächsten Jahres entscheiden will. Man kennt das ja. Rufe 60 Abgeordnete an. Einer wird sich schon äußern wollen. Die anderen 59 fallen unter den Tisch. Für die Schlagzeile reicht's. Zeitschriften wie der "Stern" kommen gleich ganz ohne Quellen aus. Sie führen sich selbst ins Feld. "Treten Sie an, Herr Schröder" titelte die Illustrierte, ohne einen Hehl daraus zu machen, daß sie selbst diesen Kandidaten küren will. Wochenlang hatte das Blatt vom halbherzigen Sprüchlein des Kanzlerschaftsanspruchskandidaten a.D. Wolfgang Schäuble gezehrt, er traue sich die Übernahme der Regierungsgeschäfte zu. Und dann? Kohl tritt wieder an. Na gut, sagen sich die Hamburger Blattmacher, dann präsentieren wir eben den Kanzlerkandidaten der SPD.

Doch aus welchem Grund sollten sich die Sozialdemokraten jetzt entscheiden? Für eine vorzeitige Festlegung könnte allein die Prophezeiung sprechen, daß die Partei dem medialen Druck ohnehin nicht lange standhalten wird.

Mai 1997

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Parteien