Erste Analysen deuten den politischen Erdrutsch vom 27. September als Paradebeispiel einer Persönlichkeitswahl im amerikanischen Stil: Junger, dynamischer Herausforderer schlägt alten, müde gewordenen Amtsinhaber; eine ausgeklügelte und effiziente Kommunikations- und Medienstrategie der SPD trägt einen strahlenden Sieg über halbherzige und eher altbackene Ansätze herkömmlicher politischer Werbung der Union davon. Diese Deutungsversuche erscheinen auf den ersten Blick plausibel. Gerhard Schröder lag während des gesamten Wahlkampfes in allen Popularitätstests weit vor dem Bundeskanzler. Und die SPD eroberte mit ihrer "Kampa" in der Öffentlichkeit früh und zielstrebig die Lufthoheit gegenüber den Parteien des Regierungslagers. Sie konnte alle Versuche der Union und der Liberalen abwehren, einen Stimmungsumschwung in der Wählerschaft herbeizuführen. Als wahlsoziologische Erklärung und politische Bewertung des Wahlausgangs ist die These vom professionell inszenierten Persönlichkeitswahlkampf jedoch nicht überzeugend. Sie haftet zu sehr an kurzfristigen Stimmungen und Kandidatenimages, und sie neigt deshalb dazu, langfristige Grundströmungen und strukturelle Konfliktlagen in der Wählerschaft zu unterschätzen und auszublenden.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.