Die These, daß die Börsenkurse immer weiter steigen, weil Washington es sich nicht leisten kann, sie fallen zu lassen, verweist auf einen neuen Aspekt des korporativen Sozialismus, American version: öffentliche Unterstützung für Kapitalanleger, gerechtfertigt mit dem Argument, wenn es für diese schlecht laufe, werde es allen anderen noch schlechter ergehen. Dies schließt den Rest der Welt mit ein, da niemals zuvor soviel ausländisches Geld an der Wall Street investiert wurde und weil die Weltwirtschaft, wie der Ökonom David Hale schreibt, von einem "stabilen US-Aktienmarkt abhängt, der es gestattet, Amerikas Rolle in der Welt als 'spender of last resort' aufrechtzuerhalten". Alle stecken tiefer mit drin, als ihnen lieb ist. Alan Greenspan könnte die "Spekulationsblase" - wenn es denn eine Blase ist mit einer einzigen ungeschickten Äußerung zum Platzen bringen. Als der Aktienindex noch 3 000 Punkte tiefer stand, löste seine Bemerkung über die "irrationale Überschwenglichkeit" der Anleger sofort einen Kurssturz aus.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.