Tony Blairs flotter Spruch, er wolle weder links noch rechts, sondern vielmehr "vorne" sein, kokettiert zweifellos mit der verbreiteten Ansicht, die Orientierungsmarken "links" und "rechts" seien bestenfalls noch geeignet, der "Neuen Mitte", nach der sich alles drängt, ein wenig historische Kontur zu verleihen. Wie soll man in der Tat diesem symbolpolitisch attraktiven, aber eher farblosen Ort Glanz verleihen, wenn man nicht gelegentlich mit den "Extremen" droht; Bewährte Deutungs- und Orientierungsmuster werden unweigerlich neu aufgeladen, wenn die historische Machtkonstellation umbricht, die sie getragen hat. Und neue Orientierungsmuster haben nur dann eine Chance, wenn sie auch vergangene Erfahrungen ins rechte Licht rücken. Kontinuierliche Verwendung und diskontinuierliche Bedeutung - das kann man getrost als "Normalität" solcher Orientierungsschemata ansehen. Ich möchte einige Vermutungen darüber anstellen, welche Kräfte den öffentlichen Verkehrswert des Links-Mitte-Rechts-Schemas nach 1990 verschoben haben, teils bestimmt durch den Kontakt des Schemas mit den historischen Ereignissen, teils durch den Druck längerfristiger Verschiebungen im massendemokratischen Macht- und Öffentlichkeitsgefüge.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.