Ausgabe Dezember 1999

Ein verlorenes Jahr?

Die rot-grüne Koalition im konzeptionellen Vakuum

Eine im konservativ-christlichen Milieu verortete Wochenzeitung bedauerte vor einigen Wochen die Regierungszeit der rot-grünen Koalition als ein "verlorenes Jahr". Ist die Koalitionsvereinbarung mit dem Titel "Aufbruch und Erneuerung - Deutschlands Weg ins 21. Jahrhundert", statt als Leitlinie für den politischen Übergang ins neue Jahrtausend zu fungieren, tatsächlich schon nach zwölf Monaten Makulatur? Die Koalition ist in den Kosovo-Krieg mit einer Überdosis Moral hineingestolpert. Um der Menschenrechte willen hat sie die militärische Intervention gerechtfertigt. Zum Glück verschoben sich mit der Dauer des Krieges die Argumentationsmuster: Am Ende standen nicht mehr ein moralisches Pathos, sondern die Definition der Kriegsziele und die Verhältnismäßigkeit der Mittel im Vordergrund. Das Zurückdrängen des Militärapparats der NATO sowie die politische Einbindung der Vereinten Nationen und Rußlands in die Regelung des Konflikts waren beachtliche Leistungen. Das neue Staatsbürgerschaftsrecht bedeutet eine säkulare Wende. Die deutsche Staatsbürgerschaft bleibt nun nicht mehr ausschließlich an die Abstammung gekoppelt. Deutschland begibt sich auf den Weg von einer Volks- und Kulturnation zu einer Staatsnation.

Das ist ein Schritt ins nächste Jahrhundert.

Dezember 1999

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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