Die anfangs harsche, nahezu vernichtende Kritik an Gerhard Schröder und seinem Kabinett fällt zwei Jahre später erheblich verhaltener und moderater aus. Das Berliner Pressekorps und die neuen Leute der Regierungsmehrheit scheinen sich mittlerweile gar zu mögen. Das "schmoozing with the press" beherrscht der Kanzler schließlich ziemlich perfekt. Und doch haben einige unverdrossen nachdenkliche Kommentatoren in ihrer Bilanz zu Beginn der Sommerpause auch Fragezeichen hinter die Regierungstechnik des Kanzlers gesetzt. Deren Klage galt allerdings nicht mehr - wie noch in den ersten Monaten von Rot-Grün - Chaos, Pannen und Inkompetenz. Gerügt wurde vielmehr eine neue Variante informellen Regierens, die sich im Kanzleramt breit gemacht hat. Einige Interpreten warnten gar vor einem Souveränitätsverlust der Legislative, witterten einen Trend zur Entparlamentarisierung der Republik. Für sie bastelt Schröder an der präsidialen Neuformierung des politischen Systems. Der Bundesvorsitzende der Jungsozialisten brachte den neuen Regierungsstil seines Parteivorsitzenden ein wenig maliziös auf den Begriff der "Kungelrundendemokratie". Sonst blieb es in der SPD zwar noch ruhig, aber das unterschwellige Unbehagen ließ sich bei den mittlerweile stillgelegten Basisaktivisten nachgerade mit Händen greifen.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.