Ausgabe November 2000

Kohl und die Einheit: Eine Bilanz

Das mußte ja so kommen. Um seinen mehr als fragwürdigen Umgang mit den Finanzen der CDU aus dem öffentlichen Bewußtsein zu verdrängen, läßt sich Helmut Kohl als "Kanzler der Einheit" feiern. Damit transportiert er gleich zwei Mythen: den Mythos, ohne ihn hätte es die deutsche Einheit nicht gegeben, und den Mythos, allein der Weg zur Einheit, den er bestimmt hat, sei gangbar gewesen. Um die Anmaßung abzuwehren, die in einem solchen Anspruch steckt, genügt es freilich nicht zu beteuern, die Einheit gehöre niemandem allein, sondern allen Deutschen. Man muß schon etwas genauer hinschauen und darf sich dabei auch von den diversen Schutzbehauptungen nicht blenden lassen, die im Laufe des Vereinigungsprozesses entstanden sind. Prüfen wir also, welche Alternativen es 1989/90 gab und wie die Entscheidungen zustande gekommen sind, die wir kennen.

Demokratisierung und Führungskrise

Ein erster wesentlicher Schritt in dem Prozeß, der zur deutschen Einheit geführt hat, war mit dem 9. Oktober 1989 getan: mit der Leipziger Montagsdemonstration der 70 000, die ohne den befürchteten Eingriff der Sicherheitskräfte blieb.

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