Ausgabe Februar 2001

Parteiverbot, Tugendterror und empfindsame Demokratie

"Blätter": Bund und Länder wollen, in seltener Einmütigkeit, daß Karlsruhe die NPD für verfassungswidrig erklärt. Parteiverbote haben wir seit Jahrzehnten nicht mehr gehabt. Für wie gravierend halten Sie den Vorgang?

Ulrich K. Preuß: Ungewöhnlich ist er schon deswegen, weil der letzte Antrag (sieht man vom Fall der eher unbedeutenden FAP ab) etwa 50 Jahre zurück liegt. Ungewöhnlich aber auch, weil sich die politischen Umstände in der Republik und die ganze Atmosphäre grundlegend verändert haben. Man konnte schon meinen, das Konzept der "streitbaren Demokratie" hätte sich überlebt. Ein geschlossenes Konzept gab es im Grundgesetz gar nicht. Was es gibt, sind einzelne, allerdings hinlänglich bedeutsame Instrumente, also das Parteienverbot, Artikel 21 GG, und die Grundrechtsverwirkung nach Artikel 18 GG. Schließlich sieht Artikel 9, Absatz 2 GG Vereinigungsverbote vor. Die gibt es auch in normalen liberalen Demokratien immer schon, als polizeimäßige Reaktion auf kriminelle Vereinigungen und dergleichen. Aber Parteienverbot und Grundrechtsverwirkung sind schon ungewöhnlich. Und daraus ist dann, juristisch überhöht, ein allgemeines, geschlossenes Konzept der "streitbaren Demokratie" gemacht worden.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.