Ernst-Ludwig Winnacker ist ein vielseitiger Mann. Aufmerksame Leser konnten ihn in den letzten Jahren in höchst unterschiedlichen, fein aufeinander abgestimmten Rollen kennenlernen. Da ist zuerst der Wissenschaftslobbyist Winnacker. Nennen wir ihn W. 1. Er zeichnet verantwortlich für den gen- und biotechnologischen Teil einer Broschüre der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der keineswegs die ihr gebührende Aufmerksamkeit zuteil geworden ist (vgl. "Blätter", 12/1996). Da geht es um die Deregulierung der "Zukunftstechnologien", von denen manche es für vorteilhaft halten, im Gewande von Wissenschaft und Forschung zu marschieren und deren grenzenlose Freiheit für sich in Anspruch zu nehmen. Ein Satz mag genügen, um den Geist dieses Plädoyers für "Forschungsfreiheit" heraufzubeschwören: "Eine wesentliche Ursache für Forschungsbehinderungen stellen G e s e t z e dar. Sie schränken die Forschungsfreiheit zum Teil absichtlich ein, wie zum Beispiel das Tierschutzgesetz, zum Teil aber unbeabsichtigt [...] wie zum Beispiel das Bundesnaturschutzgesetz, das Bundesdatenschutzgesetz" (S. 2). Das ganze Pamphlet fordert für die Forschung einen Ort außerhalb jedweder gesetzlichen Beschränkung, und besonders lästig ist neben dem Betriebsverfassungsgesetz wen wundert's.e - das Embryonenschutzgesetz.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.