Ausgabe Mai 2002

Der brasilianische Spartakus

"Wir sind nicht unterentwickelt", pflegt Präsident Fernando Henrique Cardoso, früher als radikaler Soziologe einer der Väter der Dependenztheorie, zu sagen, "sondern wir Brasilianer leiden an Ungleichheit". Hat sich die Situation gebessert? Makroökonomisch deutlich ja. Laut Zensus 2000 des IGBE (Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística) stieg das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen während der 90er Jahre um 41,8% an. Solch abstrakte Daten müssen im kommenden Oktober den Test der Präsidentschafts- und Kongresswahlen bestehen. Indes, an die Wahlurne glauben viele Bürger infolge der schroffen Ungleichheit kaum mehr.

Der wirkliche Wandel in der brasilianischen Gesellschaft geschieht an der Basis, wo fern von der offiziellen Politik autonome Gruppen, Gewerkschaften, die MST-Landlosenbewegung (Movimiento dos Sem Terra), christliche Kirchengemeinden, Studenten und Nachbarschaftsvereinigungen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Manchmal als Klassenkampf besonderer Art: In der Osterwoche besetzten an die fünfhundert Familien der MST-Landlosenbewegung die Hacienda der Cardoso-Präsidentenfamilie, um den Inhalt der enormen Kühlschränke leer zu essen und zu trinken und die von Fidel Castro geschenkten Zigarren aufzurauchen.

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema