Ausgabe August 2003

Verfassung und Wirklichkeit

Die Genialität der europäischen Vertragskonstruktion

Die Europäische Union wagt ein großes Experiment. Ihre Mitgliedstaaten wollen sich eine Verfassung geben. War die Diskussion über die Notwendigkeit einer europäischen Verfassung lange Zeit fast ausschließlich eine akademische Angelegenheit, so hat sich dies spätestens mit der Erklärung von Laeken im Dezember 2001 geändert, mit der die Staaten der EU einen 105köpfigen Reformkonvent zur Erarbeitung eines Dokuments mit Verfassungscharakter beauftragten. Am 13. Juni diesen Jahres hat der Konvent seine Arbeit abgeschlossen und den Entwurf einer Europäischen Verfassung dem Europäischen Rat unterbreitet. Das aus vier Teilen und 460 Artikeln bestehende Dokument ist aber nicht das letzte Wort.1 Nun müssen noch "technische Nachbesserungen" am Text vorgenommen werden, bevor dann – dem derzeitigem Zeitplan zufolge – nach Beratungen der Regierungskonferenz Ende des Jahres der Entwurf verabschiedet und von den Mitgliedsländern ratifiziert werden kann.

Obwohl die Laekener Erklärung kein explizites Mandat zur Ausarbeitung einer Verfassung gab2, hatte der Konvent seines ausgeweitet, nachdem führende Regierungsvertreter mit einem Verfassungstext die normative Idee verbanden, eine kollektive Identität zwischen den alten und neuen Mitgliedstaaten einer erweiterten Union zu stiften. Von Beginn an sprachen Vertreter des Konvents ungeniert von einer Verfassung für Europa.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema