1989 ist der Kapitalismus US-amerikanischer Prägung als Sieger aus dem "Systemwettbewerb" hervorgegangen. In Gestalt der neoliberalen Globalisierung hat er der Welt seinen Stempel aufgedrückt. Doch anders als versprochen gehen Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung weder mit "Wohlstand für alle" noch mit der Verbreitung von Demokratie, Menschenrechten und Frieden einher. Ganz im Gegenteil: Die neoliberale Globalisierung befördert soziale Ungleichheit innerhalb und zwischen den Ländern und Regionen; sie ist mit Ketteneffekten finanzieller und wirtschaftlicher Krisen verbunden und hat zur Verschärfung der ökologischen Krise beigetragen. Schlimmer noch, sie wird begleitet von gewalttätigen Konflikten und Kriegen. Das jedoch passt überhaupt nicht zum ambitionierten Modell der Geoökonomie, wonach die Öffnung nationaler Ökonomien zum Weltmarkt ja gerade eine Alternative zur machtzentrierten Durchsetzung von politischen und ökonomischen Interessen (also von: Geopolitik) sein soll. Die Geoökonomie kennt nur Konkurrenten, keine Feinde. Wer Handel treiben will, kann nicht zugleich Krieg gegeneinander führen, so lautet die optimistische These in der Debatte um die mit Globalisierungsprozessen einhergehenden Ent-Territorialisierung von Ökonomien.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.