Ausgabe Dezember 2004

Mexiko am Ende der Siesta

Weniger als eine Minute verlas Mexikos Präsident Vicente Fox am 1. September seine Regierungserklärung, die dritte seiner Amtszeit, da unterbrachen ihn schon die Abgeordneten der Opposition. Mitglieder der sozialdemokratischen Partei der Demokratischen Revolution (PRD) protestierten mit dutzenden Plakaten, die sie in den Plenarsaal des mexikanischen Parlamentes geschmuggelt hatten. "Fox, was willst Du uns erzählen", stand darauf, oder schlicht: "Lügen!" 21 Unterbrechungen musste der Präsident hinnehmen, zwölf Mal mahnte der Parlamentspräsident die Abgeordneten zur Ruhe. So etwas hatte es in der jüngeren mexikanischen Geschichte noch nie gegeben. Dass dem Präsidenten außerhalb des Parlamentes Protest zuteil werden würde, damit hatten dagegen zumindest die Sicherheitskräfte gerechnet. Rund 4000 Polizisten riegelten das Gebäude ab. Sie und eine doppelte Stahlmauer hielten zehntausende Demonstranten davon ab, das Gebäude zu stürmen. Am nächsten Tag bestimmten hämische Kommentare die Presse. Der Präsident sei allein von den Polizisten und der Mauer, nicht aber von seinen Argumenten geschützt worden.

Enttäuschte Hoffnungen

Vier Jahre nach dem Ende der 71jährigen Herrschaft der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) bietet Mexiko alles andere als ein ruhiges Bild. Alle Hoffnungen auf eine demokratische Öffnung des verkrusteten politischen Systems sind geschwunden.

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social-Media- kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.