Ausgabe Dezember 2004

Gender Responsive Budget

oder Wie bilanziert sich Geschlecht?

"Kein politisches Handlungsfeld", heißt es im Koalitionsvertrag von SPD und PDS im Land Berlin, ist "aus sich heraus geschlechtsneutral - auch nicht die Finanzpolitik". Deshalb solle die Verwendung öffentlicher Mittel "regelmäßig auf das Ziel Gleichstellung der Geschlechter überprüft" werden.1 Damit hat, bis heute weithin unbeachtet, ein haushaltspolitisches Novum offiziell Eingang in ein Regierungsprogramm gefunden - wenngleich das dazu gehörende Stichwort "Gender Responsive Budget" (GRB)2 in diesem Dokument sorgsam gemieden wurde. Mit ihrer Vereinbarung greift die rot-rote Koalition Überlegungen und daraus hervorgegangene Initiativen auf, die vor bereits 20 Jahren in Australien einsetzten und heute in zahlreichen Ländern der Erde erprobt werden.

Worum handelt es sich im Kern? GRB-Initiativen kritisieren, dass die öffentlichen Haushalte die unterschiedlichen Rollen, Verantwortlichkeiten und Potenziale von Frauen und Männern und die verschiedenartigen Auswirkungen der Politik auf die Geschlechter nicht berücksichtigen.3 Stattdessen würden von Männern verursachte Kosten weitgehend kritiklos akzeptiert, weil diese scheinbar den Bedürfnissen einer beliebigen Durchschnittsperson dienten, während Frauenanliegen kritischerer Prüfung standhalten müssten und zuweilen sogar als Privatsache oder Klientelbedienung diskreditiert würden.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.