Ausgabe April 2005

Nordische Nein-Sager

Der Kommunalverwaltung von Vaxholm im Stockholmer Schärengebiet war offenbar nicht klar, welchen Konflikt sie entfachen würde, als sie im vergangenen Jahr die Baufirma Laval un Partneri beauftragte, ein Schulgebäude zu errichten. Weil sich die Firma aus Lettland weigerte, ihre lettischen Angestellten nach schwedischen Tarifverträgen zu bezahlen, wurde die Baustelle wochenlang von Gewerkschaftern blockiert – bis die Gemeinde den Auftrag kündigte und Laval unverrichteter Dinge wieder abzog. Die Baugewerkschaft Byggnads hatte sich darüber erbost, dass die bis zu 56 Wochenstunden arbeitenden Letten nur einen Bruchteil der Löhne erhielten, die schwedischen Arbeitern zugestanden hätten.

Rückendeckung bekamen die kämpfenden Gewerkschafter von oberster Stelle: Der sozialdemokratische Regierungschef Göran Persson erklärte, es sei das gute Recht der Arbeiter, ihre Tarifverträge zu verteidigen.1 Lohn- und "Sozialdumping" sowie "Billigkonkurrenz" aus dem europäischen Ausland sind schon lange Themen, die seiner Regierung Sorgen bereiten. Zusammen mit dem schwedischen Arbeitgeberverband und dem Gewerkschaftsbund will Persson nun überlegen, wie künftig mit Firmen, die nur vorübergehend in Schweden tätig werden und sich landesüblichen Sozialstandards nicht verpflichtet fühlen, verfahren werden soll, und wie die Freizügigkeit im europäischen Binnenmarkt mit schwedischer Tarifpolitik in Einklang zu bringen ist.

Sie haben etwa 13% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 87% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.