Ausgabe Juni 2005

Holocaust transnational

Zur Institutionalisierung des Holocaust-Gedenkens

Moskau, 9. Mai 2005: Wladimir Putin, George W. Bush, Jacques Chirac, Junichiro Koizumi und Gerhard Schröder sind nur einige der rund 50 anwesenden Staats- und Regierungschefs. Zum ersten Mal begehen Sieger und Besiegte von 1945 den Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus gemeinsam. Doch die Feierlichkeiten in Moskau stellen nur den Höhepunkt einer andauernden Beschäftigung mit der Vergangenheit dar. Bereits zu Beginn des aktuellen Gedenkjahres, am 27. Januar, trafen sich hochrangige Staatsrepräsentanten, um der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zu gedenken. Dabei wurde deutlich, dass Auschwitz zusehends die negative Referenz europäischer, ja globaler Politik ist: "Die Welt blickt nach Auschwitz", lautet der Tenor zahlreicher Berichte. Ein zutreffender Befund: Erstmals widmete die UN-Vollversammlung am 24. Januar den Holocaust-Opfern eine Sondersitzung.

Die Vergegenwärtigung der NS-Vergangenheit spiegelt einen Prozess wider, der Ende der 90er Jahre begann. Neben einem verstärkten politischen Interesse an den nationalen Implikationen des Holocaust ist das Bemühen erkennbar, eine gemeinsame Politik hinsichtlich der Folgen des Holocaust zu begründen. Diese Entwicklung wird in der rasch anwachsenden Zahl politischer Konferenzen zum Thema deutlich: Neben der London Nazi Gold Conference (1997) und der Washington Conference on Holocaust-Era Assets (1998) ist hier insbesondere das Stockholm International Forum on the Holocaust (2000) anzuführen.

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In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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