Ausgabe März 2006

Erinnerung an den Sozialstaat

Es habe „etwas Absurdes“, heute eine Kommentierung des Sozialstaatsprinzips zu schreiben, klagte unlängst die Oldenburger Wirtschaftsrechtlerin Dagmar Schiek. Der Begriff des Sozialstaates gelte als Relikt aus Zeiten, in denen es erstens noch soziale Gegensätze und zweitens etwas zu verteilen gab. Folglich erscheine der Sozialstaat auch sozialdemokratischen „Modernisierern“ als Bremsklotz beim Übergang zur „postindustriellen Gesellschaft“. „Alles was den Markt einengt, gilt als sozialromantischer Ballast, der der Anpassung entgegensteht.“1

In der Tat, das Plädoyer für „mehr Freiheit“, von der frisch gekürten Bundeskanzlerin mit ungewohnter Emphase vorgetragen, meint das Lösen von „Wachstumsbremsen“, meint die Befreiung von „Bürokratie und altbackenen Verordnungen“.2 Nicht genannt und wohl auch nicht gemeint ist hingegen die Freiheit vor staatlicher Überwachung mittels modernster Technik einschließlich der globalen Zusammenarbeit deutscher Sicherheitsbehörden mit „befreundeten“ Geheimdiensten wie der CIA – mit den inzwischen bekannt gewordenen Folgen.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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