Ausgabe September 2011

Die Legende vom schnellstmöglichen Atomausstieg

In den ersten Wochen nach Fukushima hat die Zielformulierung vom „schnellstmöglichen Atomausstieg“ die Republik spontan geeint; beinahe alle gesellschaftlichen Gruppen, von den Kirchen bis zu sämtlichen Oppositionsparteien, sprachen sich mit der Regierung dafür aus. Was aber ist seither geschehen? Ironischerweise wirkt die öffentliche Aufmerksamkeit seit dem Zeitpunkt, da es konkret wurde, wie abgeschaltet. Ob der Energiewende-Beschluss mit den Grundsätzen, die zuvor breit diskutiert worden waren, zusammenpasst, wurde nicht Gegenstand einer öffentlichen Debatte. Deshalb soll es hier um den Wende-Beschluss selbst gehen.

Die herrschende Koalition trug das Ziel des „schnellstmöglichen Atomausstiegs“ im Beschluss ihrer Spitzen vom 29./30. Mai noch mit: „Wir wollen das Zeitalter der erneuerbaren Energien so schnell wie möglich erreichen, um so früh wie möglich aus der Kernenergie aussteigen zu können.“ Im Beschluss des Bundeskabinetts unter demselben Titel, eine Woche später ergangen, ist diese Passage jedoch bereits getilgt, und das in konsequenter Weise: Sie beschreibt das Konzept, welches die Bundesregierung faktisch verfolgt, in der Tat nicht. Faktisch ist der Atomausstieg der Bundesregierung quantitativ identisch mit dem Atomkonsens von Rot-Grün, wie er am 14. Juni 2000 paraphiert worden war.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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