Ausgabe April 2026

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

Kinder aus der Region um Tschernobyl kommen in Oslo an, wo sie für einen einmonatigen Erholungsaufenthalt untergebracht sind. Die zeitlich begrenzten Auslandsaufenthalte dienten dazu, ihre Strahlenbelastung zu reduzieren und ihre Gesundheit zu verbessern. 17.6.1991 (IMAGO / NTB)

Bild: Kinder aus der Region um Tschernobyl kommen in Oslo an, wo sie für einen einmonatigen Erholungsaufenthalt untergebracht sind. Die zeitlich begrenzten Auslandsaufenthalte dienten dazu, ihre Strahlenbelastung zu reduzieren und ihre Gesundheit zu verbessern. 17.6.1991 (IMAGO / NTB)

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen. Was zunächst als Gesundheitsförderung geplant war, hatte ungeahnte gesellschaftliche Folgen: Die jungen Belarussen erfuhren, was Freiheit sein kann.

Es ist ein Thema, das deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als es derzeit erfährt: die Katastrophe vom 26. April 1986 im Atomkraftwerk Tschernobyl in der nördlichen Ukraine, etwa 20 Kilometer südlich der Grenze zu Belarus, auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion. Das Bild vieler Menschen von diesem Unglück stammt aus kulturellen Darstellungen wie dem Buch »Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft« von Swetlana Alexejiwitsch1 und der HBO-Miniserie »Chernobyl« von 2019, die stark von den Zeugnissen inspiriert ist, die die belarussische Schriftstellerin gesammelt hatte. Alexejiwitschs Buch ist Teil des fünfbändigen Zyklus »Stimmen der Utopie«, einem Langzeitprojekt, an dem sie seit Mitte der 1980er Jahre gearbeitet hatte. Nachdem sie 2015 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden war, erhielt es noch größere internationale Anerkennung: »Tschernobyl« wurde in mindestens 24 Sprachen übersetzt und trug die Stimmen von Zeugen und Überlebenden der Katastrophe in die Welt hinaus.2

Doch trotz dieser wachsenden kulturellen Aufmerksamkeit ist eine Gruppe von Betroffenen kaum mit eigener Stimme zu Wort gekommen: die sogenannten Kinder von Tschernobyl. Dieser Begriff wurde in den 1980er und 1990er Jahren für Kinder geprägt, deren Familien noch in Gebieten lebten, die durch den radioaktiven Niederschlag kontaminiert waren – und teilweise bis heute sind. Mit dem Begriff verbunden ist auch ein ausgedehntes Netzwerk von humanitären Programmen, die diesen Kindern zeitlich begrenzte Auslandsaufenthalte ermöglichten, damit sie weniger Strahlung ausgesetzt waren und sich ihre Gesundheit verbesserte. Schon zwei Wochen außerhalb des radioaktiven Gebiets, in einem anderen Klima und mit einer gesünderen Ernährung sollten das Ausmaß der Verstrahlung im Körper um 30 bis 50 Prozent senken. Initiativen dieser Art gab es zu unterschiedlichen Zeiten in Italien, Irland, der Bundesrepublik, Kanada, Spanien, Belgien, den Niederlanden, den USA, der Schweiz und anderen Ländern.3 Die genaue Teilnehmerzahl ist schwer zu bestimmen, wird aber sowohl vom belarussischen Staat als auch von unabhängigen Forschern auf etwa eine Million geschätzt.4

Belarus 1986 und danach: Mehr als nur Verstrahlung

Ein Gebiet von ungefähr 156 500 Quadratkilometern wurde durch die Katastrophe verstrahlt, mindestens fünf Millionen Menschen waren direkt oder indirekt betroffen. Windverhältnisse und Niederschlag ließen rund 70 Prozent der freigesetzten Radionuklide über Belarus niedergehen, das damals von 2,2 Millionen Menschen bewohnt wurde, darunter etwa 800 000 Kinder und Jugendliche. Belarus war damit das am stärksten betroffene Land, vor allem die südöstlichen Regionen Homel, Mahiljou und Brest.5

Die langfristigen ökologischen Folgen des Unfalls verkomplizierten die Lage weiter. Ungefähr ein Drittel des belarussischen Staatsgebiets wurden mit radioaktiven Iod-131, Caesium-137, Strontium-90, Plutonium-241 und anderen Substanzen kontaminiert, deren Halbwertszeit teils bis zu 30 Jahre beträgt.6 Obwohl die Kontaminierung mit der Zeit insgesamt abgenommen hat, zirkulieren Radionuklide weiter in lokalen Ökosystemen. Über Pflanzen, Pilze und Beeren gelangen sie in die Nahrungskette, wodurch die Belastung für die örtliche Bevölkerung anhält. Daher bietet die radioaktive Kontaminierung selbst Jahrzehnte nach dem GAU Grund zur Sorge, speziell in Waldgebieten, in denen Pilze und Wild oft noch immer eine erhöhte Strahlenbelastung aufweisen, aber auch in der Milch von Kühen, die auf kontaminiertem Gras weiden.7 Wie weit der radioaktive Niederschlag reichte, zeigt der Umstand, dass selbst in Großbritannien erhöhte Strahlenwerte in Waldpilzen und Wildtieren gefunden wurden.8 

Aber in Belarus fiel diese Umweltkatastrophe in eine Zeit anderer gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen, die teilweise vom Übergang nach dem Ende der Sowjetunion verursacht wurden. Schon in den frühen 1990er Jahren waren die betroffenen Regionen wirtschaftlich schwach entwickelt. Zwischen 1993 und 2002 stieg die jährliche Inflationsrate in Belarus auf 247,2 Prozent, während durchschnittliche Löhne und Renten umgerechnet unter 100 US-Dollar lagen.9 Die Selbstmordrate erreichte zwischen 1990 und 1995 einen Wert von 32,28 pro 100 000 Einwohner – laut Weltgesundheitsorganisation die sechsthöchste in Europa. Bei Männern bestand oft ein Zusammenhang mit Komatrinken, in das sie etwa fünf Mal öfter verfielen als Frauen.10 Von Tschernobyl verursachte Gesundheitsprobleme machten die allgemeine Lage nur noch schlimmer.

In vielen ländlichen Gebieten der kontaminierten Regionen wuchsen Kinder unter besonders schwierigen Bedingungen auf. Viele von denen, die später an den humanitären Programmen teilnahmen, kamen aus einkommensschwachen Familien oder aus Waisenhäusern, denen es selbst an grundlegender Infrastruktur fehlte. Häuser ohne Zentralheizung, Badezimmer oder Telefon waren üblich, Schulen und Krankenhäuser arbeiteten häufig ohne die notwendige Ausstattung oder angemessene Einrichtung. Armut, Alkoholismus, häusliche Gewalt, Arbeitslosigkeit oder unterbezahlte Arbeit in Fabriken, Kolchosen oder Milchviehbetrieben sowie der begrenzte Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung sind Stereotype, die man oft mit der frühen postsowjetischen Phase verbindet. Aber vielfach sind sie nicht weit entfernt von der harten Realität jener Zeit. 

Lukaschenkos Haltung zum Leben in den kontaminierten Regionen war von Ignoranz geprägt.

Genauso wichtig war der Umstand, dass kaum effektive Maßnahmen gegen diese Probleme ergriffen wurden. Bei seinen Kontrollbesuchen in den ländlichen Gebieten von Belarus bewegte sich Alexander Lukaschenko – Präsident seit 1994 – zumeist in sorgsam arrangierten Umgebungen, die Potemkinschen Dörfern glichen. Die tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozialen Krisen aber wurden weitgehend ignoriert. Als beispielsweise die Zahl der verwaisten oder zurückgelassenen Kinder zunahm, wurden einige Waisenhäuser geschlossen und die noch bestehenden Institutionen gezwungen, mehr Kinder aufzunehmen, indem man in den bereits überbelegten Einrichtungen einfach noch mehr Betten aufstellte. So konnten die Behörden weiterhin »gute« Statistiken und positive Trends vermelden.

Die Ignoranz gegenüber unbequemen Tatsachen zeigt sich auch in Lukaschenkos Haltung zum Leben in den kontaminierten Regionen. Schon in seiner ersten Amtszeit zweifelte er offen die Notwendigkeit an, Menschen aus den radioaktiv verstrahlten Gebieten umzusiedeln. Stattdessen verfocht er hartnäckig die landwirtschaftliche »Revitalisierung« von Städten in der Region Homel, darunter Bragin, Kamaryn und Chojniki. »Wir müssen das südliche Belarus wieder in Belarus eingliedern. Das ist unsere Reserve, die wir vernachlässigt haben. Es ist Zeit, eine klare Entscheidung zu treffen und die Hände zu rühren«, sagte er bei einem seiner regelmäßigen Besuche in Bragin, einer der am stärksten betroffenen Städte in Belarus, wo die Gammastrahlung noch vor zwei Jahren 2,5-mal höher war als normal.11 Als Lukaschenko 1995 ein Dekret erließ, dass den Tschernobyl-Opfern bestimmte Vergünstigungen entzog, bezeichnete er dies als vorübergehend. Aber heute, 40 Jahre nach der Katastrophe, sind viele davon noch nicht wieder eingeführt worden, wie das »Belarusian Investigative Center« feststellt. So haben die Betroffenen immer noch kein Recht auf zinsfreie Hauskredite, kostenlosen Zugang zum öffentlichen Nahverkehr und bestimmte Nachlässe bei Versorgungsunternehmen zurückerlangt. Zudem wurde 2009 ein neues Gesetz verabschiedet, das den Umfang von Vergünstigungen insgesamt erheblich reduziert.12

Vor diesem komplizierten Hintergrund gründeten sich schon wenige Jahre nach der Katastrophe humanitäre Initiativen, um Kinder aus den kontaminierten Regionen zu unterstützen. Die Initiatoren, die sich zunächst auf gesundheitliche Verbesserungen konzentriert hatten, hätten kaum vorhersehen können, dass die Ergebnisse ihrer Bemühungen einmal weit über den geplanten Rahmen hinausweisen würden.

Mehr als nur gesundheitliche Verbesserungen

Eine der ersten und größten belarussischen Initiativen, die Hilfe für junge Belarussen organisierte, war die Stiftung »Den Kindern von Tschernobyl«, die zwischen 1989 und 2012 aktiv war. Sie wurde von Gennadi Gruschewoi geleitet, einem belarussischen Wissenschaftler, Politiker und Menschenrechtler. Er war in der Belarussischen Volksfront aktiv gewesen, die Demokratie und Unabhängigkeit durch eine nationale Wiedergeburt und den Wiederaufbau nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erreichen wollte. Mitte der 1990er Jahre arbeiteten die Teams der Stiftung in mehr als 20 kleineren und größeren Städten und betreuten über 40 langfristige Programme mit wohltätigen, medizinischen und humanitären Zwecken.

Neben »Den Kindern von Tschernobyl« waren jahrzehntelang Dutzende weitere Organisationen und Vereine im ganzen Land aktiv und ermöglichten Kindern eine zeitweilige Erholung im Ausland. Die meisten Kinder waren in Italien, Deutschland und Spanien zu Gast.13 Ihre Reisen dauerten oft 40 Tage während der Sommer- oder Winterferien. Sie lebten bei Gastfamilien, hielten sich dabei teilweise tagsüber in »Sommercamps« auf, oder waren mit dem Rest der Gruppe und ihren Reisebegleitern in kommunalen Unterkünften untergebracht. Medizinische Untersuchungen waren regelmäßiger Teil des Programms, oft begleitet von erforderlichen Zahnbehandlungen.

Die Sprecherin der belarussischen Opposition Sviatlana Tsikhanouskaya war einst eines der ›Kinder von Tschernobyl‹.

Bei manchen internationalen Organisationen ging die Hilfe schnell über diese Erholungsreisen hinaus. Als sie Belarus besuchten oder sich die Fotos ansahen, die die Kinder mitgebracht hatten, konnten die Gastfamilien mit eigenen Augen sehen, wie das Leben im Land aussah. Sie entschieden sich, gezielte Unterstützung anzubieten, die im Lauf der Jahre von Hilfen für einkommensschwache Familien bis zu langfristigen Partnerschaften mit örtlichen Schulen, Krankenhäusern und Krisenzentren reichte. Die Hilfe umfasste oft auch die Instandsetzung von Bildungs- und Gesundheitsstrukturen mitsamt Ausrüstung, Möbeln oder Medikamenten – greifbare Investitionen in das langfristige Funktionieren der lokalen Infrastruktur. Während Gruschewoi seine Stiftung 2012 auflöste, da sie ihre »gesellschaftliche Aufgabe erfüllt« habe und die Erwachsenen nun »ihr Schicksal in die eigenen Hände« nehmen müssten,14 setzten viele andere NGOs bis 2020 ihre Arbeit fort. Erst die Coronapandemie und später die massive Repression gegen die Zivilgesellschaft in Belarus brachten ihre Arbeit zum Stillstand.

Es ist interessant, heute erneut über Gruschewois Worte nachzudenken, mehr als ein Jahrzehnt nach der Auflösung seiner Stiftung. Denn die Sprecherin der belarussischen Opposition Sviatlana Tsikhanouskaya – die 2020 für die Präsidentschaft kandidierte, nachdem ihr Mann Siarhei verhaftet worden war – war einst Teil dieser humanitären Missionen: Erst war sie als eines der »Kinder von Tschernobyl« nach Irland gereist – und später hatte sie Kinder als Betreuerin begleitet.15

Gewiss, es gab den allgemeinen Nutzen, über den Ärzte und Aktivsten sprachen, doch wie ließ sich der Mentalitätswandel der Kinder bemessen? Und wie ihre Wahrnehmung der Realität, auf die sie in Ländern trafen, die sich so sehr von dem ihren unterschieden, vor allem in den 1990er und 2000er Jahren?

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Die Stimmen der ehemaligen »Kinder von Tschernobyl«

Frühere Teilnehmer der Tschernobyl-Programme, die nun in ihren 30ern und 40ern sind, haben mit mir ihre Erfahrungen von ihren Aufenthalten bei Familien in Italien, Belgien, Irland oder Deutschland geteilt. Ihre Einschätzungen sind überraschend (oder vielleicht erwartbar) ähnlich. Alle beschreiben ihre mehrwöchigen Aufenthalte auf der einen Seite als »ein Märchen«, sprechen von »unbeschreiblicher Schönheit« und »einem Ort voll Sonnenschein«, und auf der anderen Seite erwähnen sie eine Mischung aus Angst und Misstrauen. In einem weit entfernten und merkwürdigen Land, das viele zuvor nur aus dem Fernsehen kannten, lernten sie, sich an neues Essen, eine neue Sprache und neue Verhaltensnormen anzupassen. Katsya, heute eine Büroangestellte in Hrodna, erinnert sich: »Antonio und Rosaria, meine Gastgeber, ließen sich von ihrem Alter nicht davon abhalten, ›verrückt‹ zu sein. Wir schoben einander in Einkaufswagen durch den Supermarkt, gingen spätabends in die Disco und tanzten in großen Hasenkostümen. In Belarus bleiben Menschen dieses Alters nur zuhause und schauen fern oder gehen zum Arzt. Bei dieser Familie zu leben, zeigte mir, dass Italiener viel entspannter sind als wir; sie kümmern sich nicht darum, was andere über sie sagen könnten. In Italien habe ich mich frei gefühlt.«

Manchmal war der Unterschied so krass, dass die damaligen Kinder sich wünschten, sie hätten nie ein »anderes Leben« kennengelernt. Aliaksandra, die von 1998 an jeden Sommer bei der Familie Migliorini in der Toskana zu Gast war, bis sie aus Altersgründen nicht mehr an den Programmen teilnehmen durfte, erinnert sich: »Gelegentlich denke ich, dass es vielleicht besser für mich gewesen wäre, nicht gesehen zu haben, wie die Menschen dort leben… Dann hätte ich unsere Armut und Engstirnigkeit hier in Belarus nicht bemerkt.«

Viele teilen diesen Pessimismus jedoch nicht und betonen den inneren Wandel, den die augenöffnenden Erfahrungen bei ihnen ausgelöst haben. Einige erwähnen, dass die Gastfamilien weiter Kontakt zu ihren belarussischen Gästen halten und sie aus der Ferne emotional und finanziell unterstützen. Uladzimir, ein weiterer ehemaliger Teilnehmer des Italien-Programmes sagt: »Wir lebten in einem abgelegenen kleinen Ort in der Hrodna-Region ohne dauerhafte Jobperspektiven für meine Eltern. Als ich ein Kind war, nahmen sie mich nie irgendwohin mit, sodass ich ohne klares Bild der Welt jenseits unseres Ortes aufwuchs. Meine einzige Gesellschaft waren meine Schwester Alena und ein Nachbarsmädchen. Meine älteren Brüder studierten in der Stadt und hatten nicht die finanziellen Mittel, uns zu besuchen. Da es in der Umgebung keine Schulen gab, wurde ich in ein Internat geschickt, in dem auch schon meine Brüder waren. Und von dort aus konnte ich im Sommer 2000 als Teil der Kinder von Tschernobyl zum ersten Mal nach Italien fahren. Ich war erst acht Jahre alt und alles war wie im Märchen. Meine italienische Gastfamilie hatte großen Einfluss auf meine Erziehung und meine Weltsicht. Dank ihnen habe ich Ziele im Leben, die ich bis heute verfolge. Dank des Italien-Projekts erhielt ich ein Stipendium, das mir ein Studium an der Uni Minsk erlaubt. Meine Mutter ist Rentnerin und mein Vater starb 2005. Offen gesagt, wüsste ich nicht, wo ich jetzt wäre, hätte es nicht Italien und meine italienische Familie gegeben.«

Eine Million Kinder sahen eine viel größere Welt als jene, die das totalitäre Regime ihnen zeigen wollte.

Es gibt zahlreiche Geschichten wie die von Uladzimir, und man kann ohne Übertreibung sagen, dass der große Einfluss, den die humanitären Programme auf die kleinen Belarussen ausübten, am stärksten für Waisen und Kinder aus benachteiligten Familien spürbar war. Da internationale Adoptionen in Belarus verboten sind,16 war die Teilnahme an den Tschernobyl-Projekten für viele von ihnen die einzige Möglichkeit, tiefe emotionale Bindungen zu entwickeln und zu erfahren, was eine Familie sein könnte. Aber der Weg zur Wiederbegegnung war lang: Nachdem sie ein- oder zweimal im Jahr zu Gast gewesen waren, mussten viele dennoch geduldig warten, bis sie alt genug waren, um ein Langzeitvisum zu beantragen und schließlich Belarus zu verlassen. Einer von ihnen ist Aliaksandr, ein Junge aus demselben Internat, in dem Uladzimir lebte. Sobald er 18 Jahre alt geworden war, zog er nicht nur nach Paderno in der Lombardei, wo er regelmäßig bei einer Gastfamilie gelebt hatte, sondern änderte auch Vor- und Nachnamen, um mit seinem Leben in Belarus abzuschließen.

Aber um die vorschnelle Schlussfolgerung zu vermeiden, dass die Tschernobyl-Programme den Weg in die Emigration ebneten, sollte ich erwähnen, dass solch ein glücklicher Ausgang wie bei Aliaksandr/Alessandro nicht oft vorkommt. Von den mehreren Dutzend früheren Teilnehmern dieser Projekte, mit denen ich gesprochen habe, änderten nur wenige ihr Leben derart radikal. Andere erwähnen eher die intellektuellen, kulturellen, emotionalen und spirituellen Gaben, die sie empfangen haben. Zudem erfolgte der Austausch in zwei Richtungen: Während sie ihre Sommer im Ausland verbrachten, lehrten die »Tschernobyl-Kinder« ihre Gastfamilien vieles. Sie bereicherten deren Leben um den bedeutsamen Aspekt, sich selbst als großzügige, aufgeschlossene, mitfühlende Menschen erleben zu können, die nicht indifferent auf die Nöte anderer Menschen schauen, die weniger Glück hatten, aber ebenso ein Leben in Würde verdienen. 

Ein ganz besonderes Wertesystem

Durch diese humanitären Programme, vor allem wenn sie Kindern zwischen ihrem sechsten oder siebtem bis zum 18. Lebensjahr regelmäßige Reisen ermöglichten, wuchs eine Generation von Belarussen mit einem ganz besonderen Wertesystem heran: Eine Million Kinder aus den ökonomisch und sozial schwierigsten Gegenden des Landes sahen eine viel größere Welt als jene, die das totalitäre belarussische Regime ihnen zeigen wollte. Sie kamen aus ländlichen Regionen, in denen selbst der Schulbesuch problematisch sein konnte, lernten aber eine Fremdsprache, besuchten Museen und kulturelle Stätten. Am wichtigsten aber ist: Sie knüpften und pflegten persönliche Verbindungen mit Fremden, die ihre Familie wurden, und sammelten Erfahrungen mit dem Leben in einer Welt, in der andere Werte gelten. Es ist traurig und ironisch zugleich, dass diese Welt der europäischen Länder heute oft selbst Gefahr läuft, sich in das zu verwandeln, was Belarus damals war: abgeschlossen und misstrauisch gegenüber Ausländern, einschränkend mit Blick auf die Meinungsfreiheit, durchsetzt von Zensur und Selbstzensur.

Die internationalen Tschernobyl-Programme waren damit eines der größten ungeplanten gesellschaftlichen Experimente der neueren Geschichte. Aber die Frage, die sie aufwarfen, ist nicht nur für Belarus und die Belarussen aktuell: Ist die Erfahrung der Freiheit, die ein Mensch gemacht hat, ausreichend, damit er entschlossen und mutig für diese Freiheit kämpft und sich externen, gegen sie gerichteten Einflüssen widersetzt? Wiederholt Geschichte sich nicht nur, sondern kann sie auch Grenzen überschreiten, dieselben Szenarien erneut aufführen und dabei unser Verständnis von Freiheit, Empathie und Verantwortung auf die Probe stellen? Was kann man tun, um sicherzustellen, dass diese Begriffe weiterhin zählen? 

Übersetzung: Steffen Vogel

1 Swetlana Alexijewitsch, Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, Berlin 1997.

2 Irina Marchesini, A new literary genre. Trauma and the individual perspective in Svetlana Aleksievich’s Chernobyl’skaia molitva, in: »Canadian Slavonic Papers«, 3–4/2017, S. 313–329.

3 For the Children of Chernobyl, web.archive.org.

4 Isabelle DeSisto, Children of Chernobyl and the Uneven Aid Crusade, daviscenter.fas.harvard.edu, 13.7.2021; Система оздоровления и санаторно-курортного лечения, chernobyl.mchs.gov.by.

5 Adi Roche, The Children of Chernobyl. The Human Cost of the World’s Nuclear Disaster, London 1996.

6 Major radioactive substances released by the Chernobyl accident, greenfacts.org.

7 Victor A. Ipatyev, Healing the damage of Chernobyl: radiation-contaminated forests and their rehabilitation, fao.org.

8 Erika Schuchardt, Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl. Geschichte einer stillen Revolution, Freiburg 1996.

9 Yaroslav Romanchyk, Конец эксперимента: что стало с белорусской экономикой при Лукашенко, forbes.ru, 28.8.2020.

10 Yuri Razodovsky, Suicide in Belarus, in: »Crisis«, 4/2012.

11 Лукашенко в Брагине: чего бы нам ни стоило, мы должны сделать все, чтобы, возродив эти земли, вдохнуть в них настоящую жизнь, sb.by, 26.4.2021; В поселке в Гомельской области уровень радиации превышает норму в 2,5 раза, nashaniva.com, 8.8.2024.

12 Silence of Chernobyl Victims Support Cuts Amidst Speech Recalls. Journalist Groerov On Lukashenko as Hero in Chernobyl Disaster Case, belarusfiles.org, 23.9.2024. 

13 Система оздоровления и санаторно-курортного лечения, chernobyl.mchs.gov.by.

14 Грушевой прекращает деятельность фонда «Детям Чернобыля« и начинает помогать заключенным, nashaniva.com, 21.12.2012.

15 Katherine Butler, Svetlana Tikhanovskaya: from »Chernobyl Child« in Ireland to Political Limelight, in: »The Guardian«, 11.8.2020.

16 Новое постановление по вопросам усыновления детей ограничивает белорусским сиротам возможность на обретение семьи, spring96.org, 5.3.2007.

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