Bild: Kinder aus der Region um Tschernobyl kommen in Oslo an, wo sie für einen einmonatigen Erholungsaufenthalt untergebracht sind. Die zeitlich begrenzten Auslandsaufenthalte dienten dazu, ihre Strahlenbelastung zu reduzieren und ihre Gesundheit zu verbessern. 17.6.1991 (IMAGO / NTB)
Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen. Was zunächst als Gesundheitsförderung geplant war, hatte ungeahnte gesellschaftliche Folgen: Die jungen Belarussen erfuhren, was Freiheit sein kann.
Es ist ein Thema, das deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als es derzeit erfährt: die Katastrophe vom 26. April 1986 im Atomkraftwerk Tschernobyl in der nördlichen Ukraine, etwa 20 Kilometer südlich der Grenze zu Belarus, auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion. Das Bild vieler Menschen von diesem Unglück stammt aus kulturellen Darstellungen wie dem Buch »Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft« von Swetlana Alexejiwitsch1 und der HBO-Miniserie »Chernobyl« von 2019, die stark von den Zeugnissen inspiriert ist, die die belarussische Schriftstellerin gesammelt hatte. Alexejiwitschs Buch ist Teil des fünfbändigen Zyklus »Stimmen der Utopie«, einem Langzeitprojekt, an dem sie seit Mitte der 1980er Jahre gearbeitet hatte. Nachdem sie 2015 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden war, erhielt es noch größere internationale Anerkennung: »Tschernobyl« wurde in mindestens 24 Sprachen übersetzt und trug die Stimmen von Zeugen und Überlebenden der Katastrophe in die Welt hinaus.