Ausgabe Oktober 2012

»Taa-taa, ta ta ta taaa«

Wie schnell auch hierzulande der Volkszorn hochkochen kann, demonstrierte jüngst eine kurze Meldung in der „Bild“-Zeitung: Demnach plant die ARD die Erkennungsmelodie, die seit 1956 die „Tagesschau“ einleitet, zu „entsorgen“ und durch eine neue zu ersetzen. Knapp 70 Prozent der Befragten sprachen sich daraufhin in einer Umfrage entschieden für den Erhalt der Tonfolge aus.

Seitdem bemüht sich die Vorsitzende der ARD, Monika Piel, die Wogen zu glätten. Das altbekannte »Taa-taa, ta ta ta taa« bliebe erhalten, versicherte sie auf einer hastig einberufenen Pressekonferenz. „Wir wären ja verrückt, wenn wir das ändern würden“, so Piel weiter, „wir haben hier schließlich eine Marke, die jeder kennt.“

In der Tat – und obendrein eine Marke mit langer Tradition. Denn der Geistesblitz in sechs Tönen entstand noch im Gefolge des Hitlerschen Blitzkrieges. Ihr Komponist Hans Friedrich August Carste, der unmittelbar nach der Machtübernahme Hitlers in die NSDAP eintrat, geriet 1942 in sowjetische Kriegsgefangenschaft, wo er „unter Aufsicht eines wohlwollenden Lagerkommandanten an Schlagern und Operetten komponiert, ehe die Sowjets ihn 1948 samt Noten nach Hause schickten.“ („Der Spiegel“, 27.3.1967).

Carstes Werk ist heute nur noch Eingeweihten bekannt – mit Ausnahme ebenjener Tonfolge aus seiner insgesamt über sieben Minuten langen „Hammond-Fantasie“, die er in den Jahren der Gefangenschaft komponierte. Dass seine Töne nun weiterhin den „Tagesschau“-Jingle prägen sollen, wird vor allem Carstes Witwe Grit-Sieglinde freuen. Sie empörte sich über die angeblichen Entsorgungspläne: „Ich finde das Verhalten der Verantwortlichen in höchstem Maße unanständig. Es geht um die Ehre meines verstorbenen Mannes.“

Allerdings dürfte es der Witwe um die Ehre allein nicht gehen. Denn für jene sechs Noten erhält sie seit dem frühen Tod ihres Gatten im Jahr 1971 Tantiemen – monatlich eine Summe in vierstelliger Höhe.

Ob dieser Geldsegen anhält, wird sich spätestens am 26. Dezember um Punkt 20 Uhr erweisen, wenn die neue Melodie erstmals zu hören sein soll. ARD-Chefin Piel erklärte bereits, dass dafür die Frage nach den Urheberrechten rasch geklärt werden müsse: „Es kommt darauf an, wie stark die Hymne überarbeitet ist. Und ob sie als neues Werk gilt.“

Die Entscheidung darüber fällt nicht zuletzt in Übersee. Niemand Geringeres als Hollywood-Komponist Henning Lohner soll es nun richten. Lohner ist nicht nur für Blockbuster-Vertoner Hans Zimmer tätig, sondern hat auch schon für Bernd Eichinger komponiert. Dieser brachte bekanntlich unter anderem das pseudohistorische Epos „Der Untergang“ auf die Leinwand, das von den letzten Tagen Adolf Hitlers im Führerbunker erzählt.

Für die Fernsehzuschauer, die ohnehin allabendlich von einer Weltkatastrophe in die nächste gejagt werden, dürfte sich die Komponistenwahl somit auf jeden Fall auszahlen. Denn German Hollywood wird auch für die zunehmend düsteren Nachrichten der Gegenwart den musikalischen Rahmen finden. Entsprechend untermalt werden sich bei einer Tüte Popcorn selbst die aktuellsten Horrormeldungen bestens konsumieren lassen.

Leider, leider ist dabei mit einem wirklichen Happy End nicht zu rechnen. Das bleibt, wenn überhaupt, allein der Witwe Carstes vorbehalten.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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