Ausgabe August 2015

Katastrophenkapitalismus, Teil II

Totale Entfremdung und die Revolte der Natur

Eine oft geäußerte Befürchtung lautet, dass der Kapitalismus unweigerlich zu einer Umweltkrise führen wird. Das ist eine plausible, wenn auch strittige These, die unter anderem Naomi Klein vertritt.[1] Sie ist einleuchtend, weil das exponentielle Wachstum des Kapitals offenkundig eine enorme Umweltbelastung mit sich bringt. Es gibt allerdings vier wichtige Gegenargumente. Erstens ist es dem Kapital in seiner langen Geschichte immer wieder gelungen, seine ökologischen Schwierigkeiten zu lösen, egal, ob dies die Nutzung „natürlicher“ Ressourcen betraf, die Beseitigung von Schadstoffen, die Beeinträchtigung von Lebensräumen oder die Verschmutzung von Luft, Boden, Wasser. Frühere Prophezeiungen, die der Zivilisation und dem Kapitalismus ein apokalyptisches Ende infolge von Hungersnöten und anderen Naturkatastrophen vorhersagten, wirken in der Rückschau töricht. In der Vergangenheit haben zu viele Unglückspropheten zu rasch und zu laut vor dem „Wolf“ gewarnt.

1798 war es Thomas Malthus, der fälschlicherweise Hungersnöte, Krankheiten und Kriege vorhersagte, sobald das exponentielle Bevölkerungswachstum die Nahrungsmittelproduktion überflügele. In den 1970er Jahren prognostizierte der namhafte Umweltschützer Paul Ehrlich, am Ende des Jahrzehnts würden die Menschen massenhaft verhungern, aber es geschah nicht.

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In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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