Ausgabe Juli 2026

Frauenjagd und Überwachung: KI-Brillen als Gefahr

Neugierige am Stand von Ray Ban-Meta bei der Lakme Fashion Week in Mumbai, 20.5.2026 (IMAGO / ZUMA Press Wire)

Bild: Neugierige am Stand von Ray Ban-Meta bei der Lakme Fashion Week in Mumbai, 20.5.2026 (IMAGO / ZUMA Press Wire)

Der Influencer »DinZul« spricht Frauen in Fitnesscentern, Shoppingcentern, vor Clubs oder einfach auf der Straße an. Er fragt nach ihrer Telefonnummer oder direkt nach einem Date – und filmt sie während des Gesprächs heimlich mit seiner KI-Brille: Ray-Ban Meta Smart Glasses. Die Videos von seiner Frauenjagd verbreitet er auf Social Media. Auf TikTok folgen dem jungen Mann mehr als 300 000 Follower:innen, auf Instagram hat er rund 190 000 Fans. Smarte Brillen verbreiten sich derzeit rasant unter Pick-up-Artists wie »DinZul« – Männern, die darum wetteifern, wie viele Frauen sie erfolgreich anflirten können, die ihre Tricks oft in teuren Workshops weitergeben und durch Sponsoring oder Anzeigen an viralen Videos verdienen. Die Möglichkeit, ihre Erfolge live und unauffällig per Brille zu dokumentieren, hebt ihren Wettkampf auf eine neue Ebene. Die Videos verbreiten sie unter Hashtags wie »rizz« (abgeleitet vom englischen Wort »charisma«), »rizzcam«, »rizzler« oder »rizzking«. Meist bekommen die betroffenen Frauen gar nicht mit, dass sie gefilmt werden, sie erfahren erst von Livestreams oder Videos, wenn sie diese zufällig online entdecken. Auch deutsche Männer veröffentlichen solche Anmachvideos, ein TikTok-Nutzer namens »ebacktor« verspricht auf seinem Account »wöchentlich neue Videos von Flirts und Pranks«.

Smart Glasses sehen aus wie normale Brillen oder Sonnenbrillen, der Smart-Glasses-Marktführer Meta kooperiert etwa mit dem internationalen Brillenhersteller Essilor Luxottica sowie den Brillenmarken Ray-Ban und Oakley. Meta bewirbt die Brillen als Tool für »mühelose Verbindungen«.1 Nutzer:innen steuern die Funktionen mit Sprachbefehlen, sie können Anrufe tätigen, ohne ihre Hände zu benutzen, KI-Assistenten Fragen stellen, Sprach- oder Textnachrichten erstellen, Musik hören oder eben live aus ihrem Alltag streamen. Durch manche Städte können sich Brillenträger:innen sogar navigieren und Sehenswürdigkeiten in der Nähe anzeigen lassen.

Die Entwicklung von smarten Brillen ist nicht ganz neu. Die erste Datenbrille, »Google Glass«, die 2012 vorgestellt wurde und die eine limitierte Zahl von Träger:innen in den USA zwischen 2014 und 2015 für rund 1500 US-Dollar erwarben, floppte: Sie war zu teuer, nicht besonders elegant und unpraktisch – hinzu kamen Datenschutzbedenken. Doch um die neue Generation von KI-Brillen ist in der Techbranche nun ein regelrechter Hype entstanden. 2021 brachte der Techkonzern Meta seine ersten Brillen zum Startpreis von 300 Dollar auf den Markt, zuerst in den USA, Australien, Kanada, Irland, Italien und Großbritannien. Seit 2023 ist die beliebte Ray-Ban Meta in Deutschland erhältlich; seit Juli 2025 spricht und versteht die Brille offiziell Deutsch. Im vergangenen Jahr führte Meta auch das erste KI-basierte Modell ein, die Meta Ray-Ban Display, die Informationen wie Benachrichtigungen, Untertitel, Übersetzungen, Kartenhinweise direkt im Glas der Brille anzeigt. Insgesamt wurden 2025 mehr als sieben Millionen Meta-Brillen verkauft, womit dem Konzern der Durchbruch gelang.

Auch andere Techkonzerne steigen in den Wettlauf um KI-Brillen ein. Google plant, noch in diesem Jahr zwei Modelle mit Kamera und Lautsprechern auf den Markt zu bringen, die in Kooperation mit Samsung sowie den Brillenfirmen Gentle Monster und Warby Parker entworfen wurden. Googles KI Gemini soll Brillenträger:innen erklären, was sie gerade vor sich haben oder Bewertungen von Restaurants heraussuchen, Nachrichten vorlesen oder Navigationsanweisungen geben. Auch Apple plant 2027 Smart Glasses auf den Markt zu bringen, chinesische Techkonzerne wie Alibaba oder Xiaomi investieren ebenfalls in KI-Brillen. Das globale Marktvolumen für smarte Brillen belief sich dem US-Marktforschungsunternehmen Grand View Research zufolge für 2025 auf mehr als 2,4 Mrd. US-Dollar; bis 2033 könnte es auf rund 14 Mrd. Dollar steigen, was einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von rund 24 Prozent im Zeitraum von 2026 bis 2033 entsprechen würde. Bisher dominieren US-Konzerne mit einem Anteil von knapp 90 Prozent den globalen KI-Brillenmarkt.

Die Brillen sind für Zielgruppen wie Polizist:innen, Ärzt:innen, Influencer:innen, Athlet:innen und Fitness-Fans interessant, die die Hände frei haben wollen, oder für Menschen mit Sehbehinderung und Blinde – doch auch übergriffige Männer wie Stalker oder Pick-up-Artists bilden offenbar ein großes Marktsegment. Sexarbeiter:innen berichten in Foren davon, dass manche ihrer Kunden versuchen, heimlich Sex per KI-Brille mitzufilmen; auf Pornoplattformen wie Pornhub finden sich teils aus Brillenperspektive erstellte Aufnahmen, bei denen unklar ist, ob sie mit Einverständnis der Beteiligten angefertigt wurden. In Neuseeland stand jüngst ein Mann vor Gericht, der 2025 in einem Bordell in Auckland versucht hatte, mit seiner Brille intime Aufnahmen von einer Frau zu machen. Verurteilt wurde der IT-Entwickler allerdings nicht – die Richter entschieden, dass die Folgen einer Verurteilung in keinem Verhältnis zur Schwere der Straftat stünden.

Unzureichender Intimschutz

Die Brille von Meta verfügt über eine kleine LED-Anzeige an der Ecke des Rahmens, die eigentlich aufleuchten soll, sobald die eingebaute Kamera aufzeichnet – theoretisch eine Art Anti-Stalking-Schutz. Doch in den Datenschutzbestimmungen von Meta wird darauf hingewiesen, dass die Smart Glasses über einen »Always-On«-Modus verfügen, der es dem Gerät ermöglicht, kontinuierlich Videodaten für die Verwendung mit Meta-KI-Produkten zu verarbeiten – in diesem Modus ist das Lichtsignal der Brille nicht aktiv. Zudem können Stalker:innen das Licht leicht abkleben, für ein paar Dollar sind passende, lichtblockierende Miniaufkleber erhältlich. Auf Youtube finden sich zudem Videos, die Brillenbesitzer:innen zeigen, wie sie das Licht dauerhaft entfernen können. Wer nicht selbst zum Schraubenzieher greifen will, kann sich für einen Aufpreis von rund 60 US-Dollar bei einem Bastler über YouTube oder Ebay eine bereits modifizierte Stalker-Meta-Brille bestellen. Angesichts dessen tauchen bereits erste Anwendungen wie die Open-Source-App »Nearby Glasses« von einem unabhängigen Entwickler auf, die nach Bluetooth-Signalen in der Umgebung scannen, um Menschen vor Smart Glasses in ihrer Umgebung zu warnen – allerdings funktioniert die App nicht immer zuverlässig.

Smart Glasses bedrohen allerdings nicht nur die Privat- und Intimsphäre von Frauen und anderen Betroffenen, die Ziel von Stalker:innen werden, sondern auch die der Träger:innen selbst sowie die ihrer Partner:innen, Freund:innen oder Kinder. Kenianische Mitarbeiter:innen der Firma Sama, die für Meta unter anderem brillengeneriertes Videomaterial zur Qualitätssicherung sichtet und Aufnahmen zur Verbesserung der KI-Systeme kategorisiert, berichteten Journalist:innen vom »Svenska Dagbladet« und der »Göteborgs-Posten«: »Wir sehen alles – von Wohnzimmern bis zu nackten Körpern.« Offenbar ist selbst den Brillenträger:innen nicht immer bewusst, dass die Brille gerade filmt. »In manchen Videos sieht man, wie jemand auf die Toilette geht oder sich auszieht«, erzählt ein Sama-Mitarbeiter den Journalist:innen. »Ich glaube nicht, dass sie das merken, denn wenn sie es wüssten, würden sie nicht filmen.«2 Auch Sex, Bankkartendaten, Gespräche über Dritte oder sogar über geplante Verbrechen fanden sich in den Aufnahmen. Ein Mann habe den Sama-Mitarbeiter:innen zufolge etwa die Brille in einem Schlafzimmer abgelegt und die Aufnahmefunktion aktiviert – so filmte die Brille unauffällig eine Frau, vermutlich die Ehefrau des Mannes, während diese sich auszog. Doch anstatt die Warnungen ernstzunehmen, bestrafte Meta die Whistleblower dafür, indem der Konzern die Zusammenarbeit mit Sama vorerst einstellte, angeblich weil die Mitarbeiter:innen die Standards nicht eingehalten hätten.3

Meta bestrafte Whistleblower, indem sie die Zusammenarbeit mit deren Firma einstellte.

Livefahndung per Brille

Künftig will Meta der »New York Times« zufolge sogar eine Funktion zur Gesichtserkennung – intern bekannt als »Name Tag« – in die KI-Brillen integrieren. Damit können die Träger:innen Zufallsbekanntschaften mühelos identifizieren und per KI-Assistenz weitere Informationen zu ihnen abrufen – eine gefährliche Steilvorlage für Stalker:innen.4 Auch staatliche Überwachung im öffentlichen Raum kann so intensiviert werden: Beamte der US-Antieinwanderungsbehörde ICE, die für teils illegale Massenfestnahmen und brutale Gewalt gegen Bürger:innen bekannt sind, wurden während der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump in mindestens sechs Bundesstaaten mit Ray-Ban-Brillen von Meta bei Einsätzen gesichtet; künftig will ICE eine eigene Version von KI-Brillen mit biometrischer Gesichts- und Bewegungserkennung entwickeln. Doch der Widerstand gegen die Überwachung per KI-Brille wächst. Ein Bündnis aus 75 Organisationen unter der Führung der US-Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU) forderte in einem offenen Brief an Meta kürzlich, die Einführung der geplanten Gesichtserkennungsfunktion für Smart Glasses sofort zu stoppen. Gesichtserkennung mit KI-Brillen stelle eine inakzeptable Bedrohung der Privatsphäre und Freiheit dar und sei »eine rote Linie, die die Gesellschaft nicht überschreiten darf«, heißt es in einer ACLU-Pressemitteilung.5 Solche Brillen würden es jedem ermöglichen, Fremde in seiner Umgebung, etwa bei Protesten, in Arztpraxen oder Geschäften, namentlich zu identifizieren. Dieser Name könnte mit digitalen Datenbanken verknüpft werden, die eine Fülle sensibler Informationen über Beruf, Gewohnheiten, Gesundheit und Beziehungen der Zielperson enthalten.6 Besonders gefährlich sei die geplante Neuerung für marginalisierte und schutzbedürftige gesellschaftliche Gruppen, darunter Betroffene häuslicher Gewalt, Stalking und sexualisierter Belästigung, religiöse Minderheiten, People of Color, LGBTQ+-Personen sowie Frauen und Kinder. Die Bedenken würden sich nicht einfach durch Änderungen am Produktdesign, Opt-out-Mechanismen oder schrittweise eingeführte Schutzmaßnahmen ausräumen lassen.

 

Als strafbar gelten Aufnahmen nur in Bereichen, die gegen Einblicke besonders geschützt sind – ein Schwimmbad oder eine Sauna zählen nicht dazu.

Im US-Bundesstaat Texas leitete der Generalstaatsanwalt Ken Paxton im Mai eine Untersuchung zu Metas KI-Brillen ein – aufgrund von Bedenken bezüglich der Datenschutzversprechen und der Fähigkeit der Brille, private Daten, Aufzeichnungen und biometrische Daten von Menschen aus Texas offenzulegen. 

Die auf Gemeinwohlverfahren spezialisierte Kanzlei Clarkson Law Firm, die Kund:innen in den USA gegen Meta vertritt, fordert Brillenkäufer:innen inzwischen auf, sich einer Sammelklage gegen Meta anzuschließen.7 Die Jurist:innen werfen dem Konzern irreführende Werbung und diverse Verstöße gegen Datenschutz vor. Auch die britische Datenschutzaufsicht nahm nach den Sama-Enthüllungen aus Kenia Ermittlungen auf. Die neue KI-Brille »Meta Ray-Ban Display« ist bisher nur in den USA erhältlich, hierzulande verzögern die EU-KI-Regulierung und Vorgaben zu Batterien noch den Launch. Der Techkonzern versucht derzeit aber, Ausnahmen für Smart Glasses zu verhandeln.

Gesetzeslücke in Deutschland

Investigativreporter:innen der ARD offenbaren in einer Dokumentation über Smart Glasses eine deutsche Gesetzeslücke im Strafrecht. Heimliche Aufnahmen seien in Deutschland zwar verboten, aber in aller Regel nicht strafbar, sagt darin die Kölner Juraprofessorin Indra Spiecker.8 Als strafbar gelten Aufnahmen ihrer Auffassung nach nur in Bereichen, die gegen Einblicke besonders geschützt sind – ein Schwimmbad oder eine Sauna zählten jedoch nicht dazu. Das kürzlich von Bundesjustizministerin Stefanie Hubig vorgelegte Gesetz zum Schutz vor digitaler Gewalt dürfte nach Ansicht der Juristin daran wenig ändern. Zwar sollen etwa Aufnahmen in der Sauna künftig strafbar werden, das Gesetz sei aber »zu speziell«, kritisiert Spiecker. Heimliche Aufnahmen sollen unter anderem nur unter Strafe stehen, wenn sie in »sexuell bestimmter Weise« erfolgen – eine Formulierung, die viel Interpretationsraum lässt und kaum auf von Pick-up-Artists gefilmte Frauen anwendbar ist, die auf der Straße, beim Sport oder im Bikini am Strand gefilmt werden. Hilfe bei der Polizei zu bekommen, ist daher meist aussichtslos. Betroffene könnten höchstens selbst vor Gericht ziehen, was jedoch oft zäh und teuer sei, so Spiecker.

Die Frauen, die von Pick-up-Artists gegen ihren Willen gefilmt werden, leiden darunter, online zur Schau gestellt zu werden – ohne jegliche Kontrolle darüber. Die Aufnahme der damals 29-jährigen Zeina, die bei einer kurzen Begegnung mit einem Mann mit einer Sonnenbrille im Bikini am Hamburger Alsterufer saß, ging auf TikTok viral – begleitet von einer Flut von Kommentaren zu Zeinas Körper, wie die ARD-Dokumentation zeigt. Bisher aber bleiben gegen ihren Willen gefilmte Frauen auf sich allein gestellt, während die Techkonzerne am Brillenverkauf verdienen und Pick-up-Artists mit ihren Videos Millionen Klicks erzielen. 

1 Vgl. meta.com/de/ai-glasses.

2 Naipanoi Lepapa, Ahmed Abdigadir and Julia Lindblom, She Came Out of the Bathroom Naked, Employee Says, svd.se, 27.2.2026.

3 Meta in row after workers who say they saw smart glasses users having sex lose jobs, bbc.com, 30.6.2025.

4 Meta Plans to Add Facial Recognition Technology to Its Smart Glasses, nytimes.com, 13.2.2026.

5 ACLU and 75 Organizations Sound Alarm on Meta’s Plan to Add Facial Recognition Technology to Ray-Ban and Oakley Eyeglasses, aclu.org, 13.4.2026.

6 Coalition Letter to Meta Regarding Facial Recognition Feature, aclum.org, 13.4.2026.

7 Did you buy Meta Ray-Ban or Oakley AI smart glasses because Meta told you your data was safe and private? You may have been misled, clarksonlawfirm.com.

8 ARD team.recherche, Heimlich gefilmt - online gedemütigt, ardmediathek.de 13.5.2026.

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