Ausgabe Januar 1991

Abschied von Solidarnosc

Quo vadis, Polonia? dürfte heute so mancher westliche Freund des Landes mit Besorgnis fragen. Zwar hat uns die neuerworbene Freiheit nicht so überrumpelt wie manch andere in derselben Ecke: Wir haben sie eher erkämpft als geschenkt bekommen.

Dennoch waren wir darauf nicht vorbereitet, und die neue Ordnung entsteht nicht im Selbstlauf. Seit dem Sieg der Solidarnosc in der Parlamentswahl vom 4. Juni 1989 ist das Lebensniveau um etwa ein Drittel gesunken. Im Vergleich zu dem "goldenen Zeitalter" des Gierek-Realsozialismus (Mitte der 70er Jahre) verdient man heute im Durchschnitt weniger als die Hälfte. Kein Wunder, daß die Leute enttäuscht sind und der Mythos der Solidarnosc als solidarische Volksbewegung endgültig dahin ist.

Noch vor zwei Jahren konnten unverbesserliche Utopisten von einer "Finnlandisierung" Polens schwärmen. Heute wäre diese Idee eher lächerlich: Wo ist denn das sowjetische Reich, an das sich Polen anlehnen sollte? Im Eilschritt marschieren unsere östlichen Nachbarn auf völlige Unabhängigkeit zu. Der noch vor kurzem verwegen klingende Spruch, "Polen hat nicht Rußland, sondern die Ukraine, Weißrußland und Litauen zu seinen Nachbarn", wird schon bald zur Wirklichkeit. Eine gewisse Zeit lang war das Volk bereit, sich mit der neugewonnenen Souveränität zu begnügen.

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