Ausgabe Oktober 1991

Kontinuität und Bruch.

Zum Stellenwert des 19. August 1991

Der gescheiterte Putschversuch vom 18./19. August 1991 wird von vielen in West und Ost als herausragendes Ereignis gesehen, als Wendepunkt, von dem aus neu und anders gedacht und gehandelt werden kann und muß. Es trifft zu, daß diese drei Tage ein wichtiges Ereignis (neben anderen) in der sowjetischen wie postsowjetischen Geschichte markieren, daß nun vieles klarer aussieht und daß manche Reformschritte nun leichter zu gehen sind. Zugleich wäre es irreführend, dem Staatsstreich im Kern mehr als symbolischen Gehalt, den er allerdings hat, zuzuerkennen. Was hat sich seit dem 19. August verändert? Und was nicht? Es handelt sich hier wie häufig um das Problem von Kontinuität und Bruch, genauer: um die Bestimmung ihres Mischungsverhältnisses.

Insgesamt überwiegen die lang- und mittelfristigen, teilweise sogar kurzfristigen Kontinuitäten die Bruchmomente deutlich. Über dieses Datum hinweg gelten die wesentlichen, den Systemwechsel bestimmenden und ihn formenden Rahmenbedingungen und Wirkmechanismen. Aufgeblendet und akzentuiert wurden Ende August der Zustand des zerfallenen traditionellen Sowjetsystems wie auch die Befindlichkeit des Projekts Systemwechsel; und beschleunigt kann - oder könnte - dieser seitdem verlaufen.

Ob dies aber eine neue Qualität ausmacht, bleibt dahingestellt. Jedenfalls scheint es derzeit sinnvoll, eher die Zusammenhänge als die Brüche zu betonen.

Oktober 1991

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