Ausgabe Juli 1992

Kemalismus oder Fundamentalismus

Die modellpolitische Konkurrenz Türkei-Iran und die Zukunft der islamischen Welt

Ein tektonisches Beben zerreißt die politische Oberfläche zwischen dem Balkan und der chinesischen Grenze. Das Gefüge der Staaten, das im Gefolge des Ersten Weltkrieges geschaffen worden war, ist aufgebrochen (Jugoslawien; Sowjetunion) oder kommt zunehmend unter Druck (Länderdreieck Türkei Irak - Iran). Konflikte und Instabilität sind fürs erste die Folge und werden noch lange anhalten. Das Ausmaß an Gewalttätigkeit, von dem dieses Beben weithin begleitet wird, ist bezeichnend für das Ausmaß an Gewalt, mit dem die "heile Welt" der letzten Jahrzehnte erhalten wurde. Dabei geht es in der ganzen Region um nichts Elementareres, als daß sich Menschen selbst finden und zugleich politisch organisieren müssen. Im Hinblick darauf zeigen Nation und Nationalstaat gegenwärtig die größte Anziehungskraft. Die Suche nach einer eigenen Identität, verbunden mit der Neuzeichnung der politischen Landkarte, hat schon jetzt zur Herausbildung eines neuen politischen und kulturellen Großraums zwischen dem Bosporus im Westen und dem Hindukusch im Osten geführt - zwei Jahre, nachdem der Kollaps der Sowjetunion unabwendbar wurde. Mit dem Entstehen der Staaten zwischen Aserbaidschan und Kirgisien (die kleinen christlichen Staaten Georgien und Armenien nehmen eine Sonderstellung ein) ist zugleich die Frage der Ordnung der Beziehungen dieser neuen Staaten untereinander gestellt.

Juli 1992

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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