Ausgabe Dezember 1992

Wohin treibt die Bundesrepublik?

I

"Seit 1945 war die Frage: Wird jetzt ein deutscher Staat geboren aus einer Umkehr des politischen Bewußtseins der Staatsmänner und der Bevölkerung? Oder wird er ein äußerlich gefügtes Ordnungsgebilde sein ohne Ursprung in den Herzen und Köpfen des Volkes, ohne eine neue politische Gesinnung? Diese Entscheidungsnotwendigkeit mußte am Anfang, muß heute und immer wieder grundsätzlich durchdacht und praktisch vollzogen werden. Alles 'Glück' durch die Situation, daß der freie Westen uns gegen den Osten brauchte, alle Geschicklichkeit, diese Situation auszunutzen, alle Tüchtigkeit bei der schnellen Erzeugung des 'Wirtschaftswunders' konnten als solche diese Entscheidung nicht bringen. In ihnen lagen vielmehr Tendenzen, die Grundentscheidung beiseitezuschieben. Die Aufgabe der Neugründung konnte vergessen werden. Die Folge war ein Fortdauern traditioneller Gedanken und Gefühle, ein Konglomerat von Denkklischees, im ganzen ein Treibenlassen." 1) So lautete Karl Jaspers Befund über den bundesrepublikanischen Zustand im Jahre 1966. Die Bundesrepublik, unter Aufsicht der Westalliierten konstituiert, galt den Deutschen als Provisorium, als Durchgangsstadium bis zur Wiederherstellung ungeteilter Nationalstaatlichkeit.

Dezember 1992

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