Ausgabe Dezember 1992

Wohin treibt die Bundesrepublik?

I

"Seit 1945 war die Frage: Wird jetzt ein deutscher Staat geboren aus einer Umkehr des politischen Bewußtseins der Staatsmänner und der Bevölkerung? Oder wird er ein äußerlich gefügtes Ordnungsgebilde sein ohne Ursprung in den Herzen und Köpfen des Volkes, ohne eine neue politische Gesinnung? Diese Entscheidungsnotwendigkeit mußte am Anfang, muß heute und immer wieder grundsätzlich durchdacht und praktisch vollzogen werden. Alles 'Glück' durch die Situation, daß der freie Westen uns gegen den Osten brauchte, alle Geschicklichkeit, diese Situation auszunutzen, alle Tüchtigkeit bei der schnellen Erzeugung des 'Wirtschaftswunders' konnten als solche diese Entscheidung nicht bringen. In ihnen lagen vielmehr Tendenzen, die Grundentscheidung beiseitezuschieben. Die Aufgabe der Neugründung konnte vergessen werden. Die Folge war ein Fortdauern traditioneller Gedanken und Gefühle, ein Konglomerat von Denkklischees, im ganzen ein Treibenlassen." 1) So lautete Karl Jaspers Befund über den bundesrepublikanischen Zustand im Jahre 1966. Die Bundesrepublik, unter Aufsicht der Westalliierten konstituiert, galt den Deutschen als Provisorium, als Durchgangsstadium bis zur Wiederherstellung ungeteilter Nationalstaatlichkeit.

Dezember 1992

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Donald Trump und die moderne Konterrevolution

von Bernard E. Harcourt

Mit einer Flut von Präsidialdekreten und Notstandserklärungen hat Donald Trump die Axt an den US-amerikanischen Regierungsapparat und die globale Ordnung gelegt. Er zerschlägt den Verwaltungsstaat, schließt Behörden und entlässt Bundesbedienstete.