Ausgabe Mai 1993

Die wichtigste Begründung heißt Solidarität

1. Wenn die Vereinigung während der letzten drei Jahre nicht so gründlich verdorben worden wäre, dann gäbe es heute kein "Begründungsdefizit" für die Einheit. Nicht das Fehlen einer Konzeption oder Idee, wie Jens Reich und Friedrich Schorlemmer meinen, ist der Grund für unsere Misere, sondern das Fehlen von Politik. Nationen sind nicht das Ergebnis von Konzeptionen, und daß Staaten einer Idee bedürfen, erscheint sehr zweifelhaft. Historische Erscheinungen entstehen oder werden manchmal auch gewaltsam zusammengefügt - die Sinngebung kommt meistens erst hinterher.

Obwohl sich Ost- und Westdeutsche viel weiter auseinandergelebt haben, als bewußt wurde, verbindet sie miteinander immer noch mehr als mit anderen Völkern - jeder Ausländer, der durch Europa reist, kann es bestätigen. Und nachdem durch einen Willensakt einer Mehrheit der Ostdeutschen und dann durch die Politik der Bundesregierung nunmehr Deutschland ein Staat geworden ist, muß man von diesem, nicht mehr revidierbaren Sachverhalt ausgehen. Nicht die Einheit zu begründen ist daher jetzt wichtig, sondern sie zu vollziehen.

2. Die Politikverdrossenheit hat ältere, weiterreichende und von der Vereinigung unabhängige Ursachen.

Mai 1993

Sie haben etwa 18% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 82% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema