Ausgabe Juni 1993

West-östliche Mythenverwandtschaft

D e u t s c h l a n d b e g r ü n d e n: "Wir sind das Volk wir sind EIN Volk", skandierten die Menschen in Leipzig und anderswo im Jahre 1989. Die Aussage wiederholte sich nicht zuletzt in der Kanzlerwahl von 1990, die dem Kandidaten der SPD, welcher keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen die Einigung gemacht hatte, eine vernichtende Niederlage bescherte. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker braucht nicht begründet zu werden. Das Problem, mit dem sich Deutschland schwer tut, liegt nicht in irgendeinem künstlichen Begründungsdefizit des Volkeswillen zur Einheit, es liegt darin, daß der Einigungsprozeß an vielen Ecken und Enden hapert. Es liegt auch nicht zuletzt darin, daß die Einigungspolitiker vor der eigenen Courage zurückgeschreckt sind, und, statt die Wahrheit über die unvermeidlichen Kosten der Einheit zu sagen ins Fabulieren ausgewichen sind: "Deutschland ein Herbstmärchen."

Die Notwendigkeit von umfangreichen Transferleistungen hätte sofort benannt werden müssen. Dem Elan des Jahres 1989 hätte dies wahrscheinlich keinen Abbruch getan. Die Bereitschaft zur Solidarität wäre damals sogar vermutlich größer gewesen als jetzt. Auch nicht zuletzt deshalb, weil die Ostdeutschen global als Opfer eines ungleichen Schicksals erschienen und die Westdeutschen ahnten, daß sie eigentlich unverdient den besseren Part erwischt hatten.

Juni 1993

Sie haben etwa 16% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 84% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.