Ausgabe Oktober 1993

Der diskrete Charme des Subalternen

Sozialdemokratische Zustände zwischen Engholm und Scharping

"Sie können das ja noch mit dem Satz versehen, daß Sie auch eine neue Regierung wollen. Das ist das mindeste, was man von Ihnen erwarten kann.

Aber das kann ich doch nicht auch noch für Sie sagen."

(Helmut Kohl im Deutschen Bundestag am 9. September 1993 zur SPD-Fraktion)

1. Todesmelodie oder Reformalternative?

"Die Nachricht von unserem Tod war ziemlich übertrieben." Mit einem Zitat Mark Twains glaubte der neugewählte SPD-Parteivorsitzende Rudolf Scharping am Schluß seiner Essener Parteitagsrede Ende Juni die Diskussion um die Zukunft der Sozialdemokratie ironisch beenden zu können. Mit Blick auf die einst mächtige, heute weltweit paralysierte Bewegung scheint diese Debatte aber gerade erst zu beginnen. Hatte Scharpings Vorgänger Engholm noch mit André Gide - "Glaubt denen, die Wahrheit suchen; zweifelt an denen, die sie finden" eine zeitgemäße skeptische Modernität beschworen, der Selbstzweifel nicht fremd sind, war Scharping auch literarisch wieder in das sozialdemokratische 19. Jahrhundert zurückgekehrt.

Oktober 1993

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