Ausgabe Juni 1994

Gesellschaft im Umbruch

Versuch einen Überblick zu gewinnen

"Denken ist etwas, das auf Schwierigkeiten folgt und dem Handeln vorausgeht", sagt Bertolt Brecht. "Gesellschaft im Umbruch". Was bricht da um? Wohin bricht sich da Neues Bahn: Welches Ausmaß, welche Tiefe, welche Reichweite haben die Umbrüche: Handelt es sich gar um einen "Epochenwechsel"? Welche Epoche ginge da zu Ende: Offensichtlich ist sehr Unterschiedliches gemeint, wenn von "gesellschaftlichen Umbrüchen" die Rede ist. Mir scheint, daß sich drei Dimensionen unterscheiden lassen.

I

Ich beginne mit dem, was offen zutage liegt - und doch schon einen merkwürdigen Widerspruch aufweist: Nie zuvor hat es in unserem Lande (wie auch in anderen entwickelten Industrieländern) ein solches Maß an materiellem Wohlstand, an Konsummöglichkeiten, auch an sozialen Sicherungen für so große Bevölkerungsteile gegeben. Nie vorher auch ein solches Maß an Bildung und Qualifikation, ein solches Maß an kultureller Teilhabe für die Vielen.

Und nie zuvor ein solches Maß an Gesundheitsversorgung und Gesundheitspflege, so große Chancen, alt zu werden und dabei rüstig zu bleiben. Das wird man wohl Fortschritt nennen dürfen. Das ist die eine Seite. Zugleich aber wächst keineswegs allgemeine Zufriedenheit. Im Gegenteil: Es wachsen Bedrohungs- und Zukunftsängste, es wachsen Aggressivität und Brutalität.

Juni 1994

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