Ausgabe Juli 1994

Potemkinsche Landschaften

Phrasenfeuerwerk Aufschwung

Wirtschaft ist zu 80% Psychologie, die ist zu 80% Meinungsumfrage vom Typ Noelle-Neumann, davon sind 80% Seelenmassage und Suggestivkraft, und die beruht wiederum zu 80% auf gefälligen Daten, die auf alle möglichen Weisen interpretiert werden, nur nicht nach den harten Regeln der ökonomischen Wissenschaft. Die derzeitige Feier der neuesten Wirtschaftszahlen über steigende Auftragseingänge und einen satten Exportüberschuß, über die leicht rückläufige Zahl der Arbeitslosen und die von der Bundesbank prognostizierte sehr niedrige Inflationsrate ist dafür ein Lehrstück. Tendenzwende in der Wirtschaft? Wie wenn altgriechische Vogelschauer den Blick in die Zukunft wagen, so wird die Schwalbe beschworen, doch endlich den Sommer zu machen.

Denn viele Wahlen stehen ins Haus, und der Kanzler weiß, auch wenn er sonst nicht viel davon verstehen mag, daß die Wirtschaft der Völker Schicksal ist. Warum sonst die Rede von den "Sachzwängen", denen wir uns füglich anzudienen haben?

I

"Niemandem wird es schlechter gehen, aber vielen viel besser", versprach einst Lothar de Maizire. Er hat wenigstens daran geglaubt. Wahrscheinlich könnte er sich jetzt auf die Zunge beißen.

Dann tauchten die blühenden Landschaften am irdischen Horizont auf, aber auch nur, weil der Kanzler bescheiden genug war, das Blaue vom Himmel nicht zu versprechen.

Juli 1994

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