Ausgabe August 1995

Die richtungslose Transformation

Zum politischen und gesellschaftlichen Wandel in Rußland

Zu den wenig erfreulichen Dingen, mit denen sich politikbegleitende Forschung in Deutschland bei der Beobachtung der Vorgänge in Osteuropa auseinandersetzen muß, gehört die Fixierung der Öffentlichkeit - und der verantwortlichen Politiker - auf herausragende Einzelpersonen, mit deren Namen in nahezu magischer Weise Erwartungen an politische, soziale und wirtschaftliche Veränderungen verknüpft werden. Die jeweiligen Idole werden zu Fixpunkten in einem politischen Koordinatensystem stilisiert, das sich an dem allzu schlichten Paradigma Reformer-Demokratie-Marktwirtschaft-Optimismus versus Reformgegner-Demokratiefeinde-Staatswirtschaft-Pessimismus orientiert. Sowohl im Falle Gorbatschow wie im Falle Jelzin setzte man Akteur und Programm in eins - die Einzelperson galt als Garant eines umfassenden gesellschaftlichen Wandels. Dabei wurden in der Regel nicht nur Veränderungen in der Verhaltens- und Denkweise des jeweiligen Politikers ausgeblendet - Gorbatschows Rechtsschwenk im Jahre 1990 führte ebensowenig zu einer Revision der Einschätzung wie Jelzins reformpolitisches Versagen 1993 und 1994 -, man nahm häufig auch die komplexen Strukturbedingungen nicht zur Kenntnis, die den Handlungsspielraum der Akteure einengen. Die Fixierung auf Symbolfiguren verstellt aber den Blick auf den realen Charakter des Transitionsprozesses und auf die Risiken, die diesem politischen, sozialen und ökonomischen Wandel innewohnen.

August 1995

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.