Ausgabe Dezember 1998

Arbeit am Neuen Menschen

Den Kuß noch auf den Lippen eilt die junge Frau an den Schalter, von den Lippen wird ein Abstrich genommen, und kurz darauf erhält sie einen Stapel Papier mit schier endlosen Buchstaben- und Zahlenkolonnen, die Aufschluß über die Erbanlagen des Küssenden geben. Die genetische Analyse und nicht Amors Pfeil entscheidet nüchtern über Partnerschaft und Fortpflanzung. Rechtzeitig zum zehnjährigen Bestehen des Human Genome Project (HGP) eröffnete im Sommer diesen Jahres der Film "GATTACA" den Blick auf eine kühle (Anti-)Vision in einer vielleicht nicht mehr ganz so fernen Zukunft.

Im Zuge der gegenwärtigen Begeisterung für die Bio- und Gentechnologie als "arbeitsplatzschaffende Schlüssel- und Querschnittstechnologie" wird auch von großen Teilen der Politik die Gentherapie als Hoffnungsträgerin einer neuen Medizin präsentiert und es verblüfft kaum, daß die Forschung daran kräftig gefördert und propagiert wird. Geschickt wird dabei der Umstand ausgenutzt, daß die Bevölkerung ein ambivalentes Verhältnis zur Gen- und Biotechnologie hat. Während beispielsweise die "grüne" Gentechnik in der Landwirtschaft deutlich skeptisch und ablehnend beurteilt wird, erhält die "rote" Gentechnik in der Medizin durchaus gute Noten.

Dezember 1998

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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