Ausgabe April 1999

Wo schon vier Großmächte sich die Finger verbrannten

Am Vorabend eines sich ankündigenden massiven Aufmarsches von NATO-Truppen zum Schutz sowohl der albanischen Aufständischen als auch der Zivilbevölkerung im Kosovo vor dem serbischen Militär mag es aufschlußreich sein, diese Intervention im Licht der historischen Verwicklungen ausländischer Mächte in die ethnischen Konflikte des balkanischen Dampfkessels zu betrachten. Der offenbar erfolgreiche Versuch, die Vereinigten Staaten und ihren wichtigsten europäischen Verbündeten herumzukriegen und als Paten eines albanischen Zwergstaats im Kosovo zu gewinnen, paßt zu einer historischen Konstante im Denken der Albaner - daß ihr Traum vom albanischen Staat, sei es ein Groß- oder auch nur Klein-Albanien - sich ohne die Protektion einer Großmacht nicht verwirklichen läßt. Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts betrachten viele Albaner Kosovo, diesen bergumschlossenen Kessel im Hochland, als die Wiege ihres nationalen Traums, politisch bedeutsamer als die angestammten Regionen weiter westlich und südlich in den früheren türkischen Provinzen Jannina und Shkoder, wo sich weit größere Konzentrationen ethnischer Albaner fanden. Die Klanführer in der zentralen Region Drenica riefen ihre Leute immer wieder auf, sich zu erheben und für ein einheitliches, ethnisch reines Kosovo zukämpfen - Endziel "Großalbanien".

April 1999

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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