Die Fehlrezeption großer Theorien scheint den Charakter des Zwangsläufigen anzunehmen. Was Jürgen Habermas' Philosophie angeht, so ist bereits an manche wissenschaftliche Rezension in einschlägigen Fachzeitschriften die Frage zu richten, ob der Rezensent den Autor eigentlich hatte verstehen wollen oder nur bemüht war, seine versammelten Vorverurteilungen zu Papier zu bringen. Noch verzeichneter erscheint das Bild dieser Philosophie in ansonsten anspruchsvollen Feuilletons und in Publikationen, die dem wissenschaftlich gebildeten Nichtphilosophen einen "Einblick" in Habermas' Philosophie und Gesellschaftstheorie anbieten. Auf diese letztere Perspektive sollen die folgenden Bemerkungen sich beschränken. Wenn hier Habermas' Philosophie gegen verbreitete Mißverständnisse (und böse Unterstellungen) verteidigt wird, so sei zur Präzisierung gesagt, daß im folgenden nicht konkrete Stellungnahmen zu aktuellen oder mittelfristigen politischen und gesellschaftspolitischen Fragen Gegenstand der Erörterung sind. Letztere wurden - übrigens nach Habermas' eigenem Verständnis 1) - nicht aus gerechtigkeitsexpertokratischer Perspektive vorgetragen, derart, daß aus den Höhen der diskurstheoretischen Moralphilosophie einzig richtige Normen für den öffentlichen Vernunftgebrauch einer demokratischen Gesellschaft deduziert würden.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.