Ausgabe Oktober 1999

Die neuen Barbaren

Das letzte Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende begann als eine Zeit der Hoffnung. Millionen Menschen waren von dem Traum einer neuen Epoche gefesselt. Der Sieg des Westen über den Osten erschien als Triumph von Freiheit und Unternehmungsgeist. Niemand aus dem Osten beklagte die Niederlage im "Kalten Krieg", lag der Wohlstand doch in greifbarer Nähe. Alles, was die Länder aus dem Osten dafür tun mußten, war, sich wieder der "Weltzivilisation" anzuschließen und in das "Gemeinsame Europäische Haus" einzutreten. Aber schon wenige Jahre später wichen die großen Hoffnungen der Skepsis. Mitte der 90er Jahre wurde es nicht nur unvermeidlich, den Traum vom Wohlstand aufzugeben, auch das westliche Demokratiemodellschien wackelig auf den Beinen und kaum mehr fähig, die eigenen Probleme zu lösen. Die liberale Wirtschaftsordnung, zur natürlichen Basis der politischen Freiheit proklamiert, geriet zunehmend in Widerspruch zu eben dieser; und es gewannen solche Stimmen an Kraft, die in den demokratischen Institutionen Hindernisse für den freien Markt sehen und ihre Ausmusterung forderten. Im Westen rufen heute viele Ökonomen und Soziologen das letzte Jahrhundert des Römischen Reiches in Erinnerung. In dieser Zeit wuchs ein Gefühl der Schwäche, vorrübergehend verdrängt von unerwarteten Erfolgen.

Oktober 1999

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