Ausgabe März 2000

Wie ich lernte, die Börse zu lieben

Oder: Die Neuerschaffung der Welt im dritten Jahrtausend

Wenn Frau Martha Kunze in Schmachtenhagen wissen will, ob sie die Wäsche raushängen kann oder ob es heute wohl regnen wird, und die 8-Uhr-Nachrichten im Radio anstellt, so erfährt sie vor dem Wetterbericht erst einmal, wie in Tokio gerade der Nikkei-Index steht. Frau Kunze besitzt ebensowenig japanische Aktien wie wohl andere 99,8 Prozent der Hörer. Und diejenigen in Deutschland, die am Nikkei hängen, sind ohnehin auf Knopfdruck mit den Weltbörsen online. Das ist symbolische Information und pädagogische Nachrichtengebung. Die Leute erfahren nicht, was sie interessiert, sondern was sie interessieren sollte. Das waren einst in dunkleren Zeiten die stereotypen Phrasen oder Scheininformationen aus Führerhauptquartier und Politbüro. Heute in der lichtvollen Epoche der Globalisierung sind es die Indizes der Finanzmärkte. Denn jede Gesellschaft braucht Idole. Sie braucht Typen, mit denen man sich voller verstiegener Hoffnung identifiziert. Und der Leittypus dieser ultra-dynamischen durchamerikanisierten Epoche ist der Yuppie, und zwar derjenige Young Urban Professional, der sein schnelles Geld mit cleveren oder glückhaften Spekulationen macht oder als Dienstleister der Finanzbranche hochbezahlt das Geld der Kundschaft mehrt oder kunstreich in den Sand setzt. Selbstverständlich dient diese hochgezüchtete Spekulationsbegeisterung dem Gemeinwohl.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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