Ausgabe Mai 2000

Die Intelligenzija und die Oligarchie

Die liberale Intelligenzija Rußlands fürchtet sich. In einer Sondernummer der Zeitung "Obschtschaja Gazeta" sprachen Prominente der frühen 90er Jahre einhellig von "totalitärer Vergeltung". Solche Ängste zeigten sich auch auf einer Anti-Kriegskundgebung im Zentrum Moskaus. Die Bedrohung existiert ohne Zweifel. Trotzdem klingen diese Worte unecht und fehl am Platze. Was läuft da ab?

Das Feindbild

Seit zehn Jahren jagen liberale Intellektuelle einander und der Öffentlichkeit Angst ein, indem sie vor einer Rückkehr der Kommunisten warnen. Wie so üblich, lebten unsere Kulturprominenz und die Star-Journalisten unter der Herrschaft der Kommunisten zumeist ganz angenehm. Gut, sie hatten Eingriffe in ihre Arbeit hinzunehmen, aber Totalitarismus gab es in Wirklichkeit schon nicht mehr. Totalitäre Systeme erlauben keine Perestroika. Doch diejenigen, die die Perestroika vorantrieben und dann das Hohelied neoliberaler Reformen anstimmten, brauchten schlichtweg ein Feindbild. Die Kommunisten kamen da gerade recht, denn noch hat niemand die Unterdrückung unter dem Stalinismus vergessen. Das Feindbild erwies sich als so furchterregend, daß die Intellektuellen selbst daran glaubten und vor Angst schlotterten.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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