Im Bereich der Humanwissenschaften beherrscht ein Buch den literarischen Spätsommer in Frankreich: La mémoire, l’histoire, l’oubli – Erinnerung, Geschichte, Vergessen – von Paul Ricoeur.[1] Der 87jährige Philosoph hat auf knapp siebenhundert Seiten noch einmal ein weitausholendes Werk vorgelegt. Von einer Phänomenologie der Erinnerung führt ein langer Weg über eine Erkenntnistheorie der Geschichtswissenschaft, eine Betrachtung über die condition historique des Menschen und über das Vergessen zu den abschließenden, religionsphilosophischen Überlegungen zur Vergebung. Die Zeitschriften „Esprit“ und „Magazine littéraire“ haben das Ereignis mit Sondernummern begleitet, und mehrere andere („Le Monde des débats“, „Philosophie“) brachten „Dossiers“ mit Vorabdrucken und Kommentaren; Alain Finkielkrauts Rundfunkreihe „Répliques“ widmete ihre erste Sendung nach der Sommerpause Paul Ricoeur. Der Auslieferung des Buches Anfang September gingen am 13. Juni ein stark applaudierter, zusammenfassender Vortrag im großen Auditorium der Sorbonne (in der Reihe der von der École des hautes études en sciences sociales veranstalteten Marc Bloch-Vorlesungen) und eine leicht gekürzte Veröffentlichung des Vortragstextes in „Le Monde“ (15. Juni) voraus.
In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.