Unter in Deutschland lebenden Juden ist die Identitätsfrage nach wie vor anhängig. Will man sich als "jüdischer Deutscher", "deutsche Jüdin" oder als "Juden in Deutschland" verstehen? Während "jüdischer Deutscher" nach wie vor an die gescheiterten Assimilationsversuche von Kaiserreich und Weimar erinnert, assoziiert man zu "deutsche Jüdin" gerne das so genannte kulturelle Symbioseprojekt, das Gerschom Scholem schon vor Jahren für gescheitert erklärte. "Juden in Deutschland" hingegen scheint sowohl der realen Lage als auch dem Selbstverständnis der hiesigen Juden am ehesten zu entsprechen. Von den etwa einer halben Million vor dem Krieg in Deutschland lebenden Juden hatten nach der Niederlage des nationalsozialistischen Deutschland etwa 20 000 überlebt, weitere 250 000 meist polnische Juden waren von der SS aus den östlichen Konzentrationslagern nach Westen getrieben worden und wurden hier von den Allierten befreit. Die Wiedergründung der Gemeinden, die von wenigen überlebenden deutschen Juden und den in Deutschland hängen gebliebenen displaced persons oft genug nur technisch, als Gründung sog. "Liquidationsgemeinden" betrieben wurde, vermochte weder zu einem ungebrochenen Selbstverständnis noch gar zu einem gedeihlichen Sozialleben zu führen.
In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.