Ausgabe März 2001

Preußenlegende, die vierte

1892 veröffentlichte der sozialdemokratische Historiker Franz Mehring das Buch "Die Lessing-Legende". Friedrich Engels nannte es die "bei weitem beste Darlegung der Genesis des preußischen Staats". Mehring wies nach, daß - anders als vom zeitgenössischen Bürgertum behauptet - die Politik Friedrichs nicht die Praxis zur Theorie der Aufklärung war, sondern auf ganz anderen Grundlagen baute, die der König sorgfältig respektierte: Gutsherrschaft und Leibeigenschaft. "Minna von Barnhelm" sei eine Satire auf Friedrichs Regierungspraxis. Für Mehrings Interpretation spricht viel.

Die Bauernbefreiung 1807 zum Beispiel kommt nicht vom Alten Fritz, sondern vom Reichsfreiherrn vom Stein, der als Anleitung dazu nicht Kants Kategorischen Imperativ brauchte. Ihm genügten die Prügel, welche das preußische Heer bei Jena und Auerstedt bezogen hatte. Die waren nun allerdings Aufklärung, aber in der einzigen Sprache, welche die herrschende Klasse dieses Staates verstand. Mehring betrieb operative Geschichtsschreibung. Es kam ihm nicht allein auf Gelehrsamkeit an, sondern er verfolgte auch praktische Zwecke. Erstens wollte er die Leistungsfähigkeit der materialistischen Geschichtsauffassung demonstrieren, zu welcher er gerade konvertiert war. Zweitens kritisierte er den Zeitgeist.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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