Ausgabe Mai 2001

Exzeßtaten als Rechtsbruch

Gewiß, das Diktum des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) vom 22. März 2001 in der Sache Strelitz, Kessler, Krenz und K.-H. W. gegen Deutschland überrascht nicht, wie Georg Schirmer in seinem Kommentar feststellt. Wer Freisprüche für die vier "Mauerschützen", den direkten (Grenzsoldat) und die drei indirekten (hohe und höchste Funktionäre der ehemaligen DDR), erwartet hatte, war in der Tat blauäugig. Denn der EGMR ist weder Kassations- noch Verfassungsgericht mit Normkontrollbefugnis. Die Begründung des Urteils beginnt mit der Feststellung, daß der Gerichtshof gemäß Art. 19 lediglich die Einhaltung der Verpflichtungen der Staaten aus der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) Konvention sicherzustellen hat, und das war hier das Rückwirkungsverbot nach Art. 7 Abs. 1. Es obliegt den nationalen Gerichten, internes Recht auszulegen und anzuwenden, nicht dem Europäischen Gerichtshof, mögliche Fehler bei Sachverhaltsermittlung und Rechtsauslegung zu beseitigen. Am Sachverhalt, wie ihn die deutschen Gerichte ermittelt hatten, war also nicht zu rütteln.

So war zum Beispiel von der Existenz eines "Schießbefehls" mit quasi-normativem Richtliniencharakter auszugehen, der von höchster Stelle formuliert war und das positive Recht der DDR überlagert bzw. verdrängt habe.

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema