Ausgabe Oktober 2001

Der Osten auf der Kippe

Widersprüche der Wirtschaftsentwicklung in den neuen Ländern

Wolfgang Thierse hat mit seiner produktiv-provokanten These "Der Osten steht auf der Kippe" die Diskussion über eine schonungslose Zwischenbilanz zur ostdeutschen Integration ausgelöst. Die darauf folgenden Kontroversen und Wertungen spiegeln die sozial-ökonomischen Unterschiede der beiden Teile Deutschlands. In Ostdeutschland fand wohl auch wegen der konkreten Erfahrungen "vor Ort" die Kritik große Zustimmung. Aufgrund der hohen Transferzahlungen stieß die Provokation im Westen dagegen großteils auf massive Ablehnung. Die Warnung vor einem möglichen Kippen der gesamten Wirtschaftsentwicklung wurde völlig übertrieben in die These vom Zusammenbruch oder Absturz umgedeutet. Statt solche Chaosszenarien zu verbreiten, ist der Hilferuf Thierses ernst zu nehmen.

Die empirischen Untersuchungen der wirtschaftswissenschaftlichen Institute und anderer Experten bestätigen Thierses These: Die unbestreitbar erfolgreiche Entwicklung gerade in Bereichen des Verarbeitenden Gewerbes sowie die Entstehung von regionalen Wachstumspolen reichen offensichtlich nicht aus, den Stillstand und schließlich Rückschritte bei der ostdeutschen Transformation gegenüber Westdeutschland trotz hoher öffentlicher Transfers zu vermeiden.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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